Herpetologische Reiseeindrücke vom nördlichen Apenninvon Thomas Bader und Johannes Hill - © by herpetofauna.atEiner Einladung unseres italienischen Kollegen Edoardo Razzetti folgend - dem Kurator der Universität von Pavia - zog es uns (Johannes Hill, Michael Duda, Thomas Bader) von 11. - 15. September 2003 zum nördlichen Apennin entlang des 9. Längengrades nördlich von Pavia weiter südlich über Genua und Teile der Emilia-Romagna bis Portofino.
Im südlichen Zipfel der Lombardei südwestlich an der Stadtgrenze von Pavia (Grenze zum Nationalpark Valle del Ticino) konnten wir einige Individuen des stark gefährdeten italienischen Springfrosches (Rana latastei) in einem Laubwaldgebiet nachweisen. Besondere Schutzmassnahmen (Folienteiche, Einzäunung etc.) haben die Populationen in den letzten Jahren etwas stabilisiert. Eine enorme Anzahl von Wasserfröschen (Rana kl. esculenta) verdeutlichen dort dessen vorherrschende Stellung unter den Amphibien. Auf der gesamten Reise war die Mauereidechse (Podarcis muralis) die dominierende Reptilienart, die im Norden in der Unterart maculiventris vorkommt. Etwas weiter westlich bei Gropello führte ein italienischer Kollege morphometrische Vermessungen an Gelbgrünen Zornnattern (Hierophis viridiflavus) durch und zeigte uns 2 schöne Exemplare, die er einige Stunden zuvor auf einer kleinen Deponie gefangen hatte. Beim Begehen der Deponie kurze Zeit später hatten wir das Glück, 5 (!) weitere Prachtexemplare der Zornnatter zu fangen, wobei ein dunkles Exemplar mit 1,59 m zu den größten jemals gefangenen Tieren dieser Art zählt. Die gelbgrüne Zornnatter ist die häufigste Schlange Italiens und bewohnt praktisch alle offenen oder halboffenen Lebensräume, die einigermaßen naturnah sind. Wir konnten sie im Laufe unserer Exkursion regelmäßig beobachten, auch Jungtiere ließen sich finden. Zusätzlich konnten wir im angrenzenden Sumpf Natrix tessellata, Rana esculenta und Hyla intermedia nachweisen.
Südlich des Po am obersten nördlichen Apennin beeindruckt das naturnahe Bachbett des Staffora (Grenze Piemont - Lombardei) mit einer reichen Lacertidenfauna (P. muralis, P. sicula und Lacerta bilineata) sowie H. viridiflavus und N. maura. Die Ruineneidechse (P. sicula campestris) erreicht hier die Nordwestgrenze ihres Verbreitungsgebietes und wird ab etwa Mittelitalien zur dominierenden Eidechsenart aufgrund ihrer großen ökologischen Anpassungs- und Konkurrenzfähigkeit. Die abenteuerliche Autobahn über den Apennin brachte uns zu unserem Quartier nach Santa Margherita Ligure. Der gesamte ligurische Küstenabschnitt ist enorm dicht besiedelt und so verwundert besonders die artenreiche Herpetofauna in diesem Gebiet. Direkt an der Küste konnten wir etliche Mauergeckos (Tarentola mauretanica) syntop mit Halbfingergeckos (Hemidactylus turcicus) in den nächtlichen Lichtkegeln an Hausmauern finden. Entlang der ins Meer mündenden Apenninbäche sind P. muralis, A. fragilis, L. bilineata und N. maura regelmäßig verbreitet. Mitten im Zentrum von Genua an einer Bachmündung fanden wir einige Exemplare vom Schleuderzungen- oder Brillensalamander (Salamandrina terdigitata) unter Steinen, die zu dieser Jahreszeit nur selten zu sehen sind und die wir weiter im Innenland vergeblich suchten. Im Bergland entlang der Flüsse leben in den beruhigten Flachwasserzonen neben Kaulquappen von Bufo bufo spinosus auch Triturus alpestris apuanus und Natrix natrix ssp.. Noch höher gelegen auf etwa 700 m Seehöhe existiert im Bereich der Kolke der Wildbäche eine außergewöhnliche Herpetozönose, bestehend aus Rana italica, Salamandra salamandra gigliolii und der seltenen italienischen Gelbbauchunke (Bombina pachypus), die nur in den Provinzen Venetien, Emilia-Romagna, Toscana und Ligurien vorkommt. Etwa 20 Tiere belagerten gerade den Höhleneingang ihres Winterquartiers, das sich dort etwa 20 m abseits des Fortpflanzungsgewässers befindet. Aus unerklärlichen Gründen wird im weiteren Umkreis mit vielen potentiellen Gewässern seit Jahren nur dieses eine Gewässer zur Fortpflanzung genutzt.
Wenige Kilometer bachabwärts verläuft eine Kontaktzone von Podarcis muralis maculiventris und P. m. nigriventris. Bei Lorsica konnten wir beide Unterarten der Mauereidechse an einer Mauer fangen und fotografieren. Genetische Proben beider Tiere wurden zur Analyse ins NHM Wien gebracht. Außergewöhnlich ist auch das syntope Vorkommen aller drei Natternarten (N. natrix lanzai (ssp. ?), N. maura und N. tessellata), wobei wir bei Ottone unter nebeneinander liegenden Steinen eine N. maura und eine N. tessellata fangen und vermessen konnten. Die Schuppenanordungen wiesen zwar bereits leichte intermediäre Tendenzen auf, ergaben aber für beide Tiere eindeutige Artzuordnungen. Ein befreundeter italienischer Herpetologe führt derzeit ein Forschungs- und Schutzprojekt an Ambrosis Höhlensalamandern (Speleomantes ambrosii) in einer Höhle ca. 20 km nördlich von Genua durch und geleitete uns durch die Grotte, in der die Höhlensalamander leben und zwischen Umland und Höhle pendeln. Wir konnten über 30 der ca. 200 Tiere zählenden Population in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Zu unserer Verwunderung stellten wir fest, dass sich die Tiere überwiegend an den senkrechten Felswänden aufhielten. Eine solche Kletterfähigkeit hätten wir ihnen beim besten Willen nicht zugetraut! Die lungenlosen Salamander benötigen immer über 80 % Luftfeuchtigkeit und Temperaturen zwischen 13 und max. 20 Grad, sind fast während des ganzen Jahres aktiv und ernähren sich in der Höhle vorwiegend von den dort recht häufigen Schnaken. Am vorletzten Tag führte uns unsere Reise in die Gegend von Bobbio in die Emilia-Romagna auf 800 - 1000 m Seehöhe, wo wir auf die Suche nach der Erzschleiche (Calcides calcides) und der Aspisviper (Vipera aspis francisciredi) gingen. Aufgrund der Seehöhe und dem kontinentaleren kälteren Klima, im Vergleich zum ligurischen Küstenabschnitt, waren die meisten Tiere bereits in der Winterruhe, obwohl auf den typischen Magerwiesenlebensräumen zwei Wochen vorher noch Dutzende Skinke gefunden wurden.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Zusammentreffen von Faunenelementen aus dem westmediterranen und kontinentalen Bereichen Europas mit denen des apenninischen Raumes eine hohe Diversität mit sich bringt. Unterwegs zurück beobachteten wir in Friaul noch einige Mauereidechsen und Würfelnattern am Tagliamento und so kehrten wir doch vollauf zufrieden zurück und planen nun bereits die nächsten Exkursionen - bis zum Frühjahr haben wir ja genug Zeit dafür! |
30. Juli 2010
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