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Die Steppen
Dawitgaredschi
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Ein weiterer Ausflug führte uns nach Rustavi südöstlich Tbilisi,
mit seinen giftigen Qualm verbreitenden alten Industrieanlagen, wo wir die
Kura überquerten und in östlicher Richtung weiterfuhren. An beiden
Seiten der Straße waren Drainagegräben angelegt worden, in denen
sich Unmengen von Wasserschildkröten tummelten. Meist waren es Sumpfschildkröten
(Emys orbicularis iberica), doch auch Kaspische Bachschildkröten
(Mauremys caspica caspica) waren zu sehen. Wir hielten kurz an, um
nach Kleinasiatischen Laubfröschen Ausschau zu halten, konnten aber auch
hier – mit Ausnahme der Seefrösche – nichts finden. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren setzten wir unseren Weg fort. Die Straße
wurde immer schlechter, Ansiedlungen waren nicht mehr zu sehen – die
Gegend hier war bereits pure Steppe.
Langsam fuhren wir den Karrenweg in flachem Anstieg weiter, bis wir nach einiger
Zeit das Plateau erreichten, wo wir einen felsigen Hang entdeckten. Nun hielt
uns nichts mehr und wir begannen hier mit unserer Suche. Die ersten Reptilien,
die wir sahen waren wieder Scheltopusik und Landschildkröten,
die hier einfach tiefe Gänge gruben um der Tageshitze zu entgehen. An
den Felsen saßen einige Kaukasusagamen und Riesensmaragdeidechsen.
Als wir damit begonnen hatten, Steine umzudrehen wurden wir schnell fündig:
Etliche Halsband-Zwergnattern, einige Sandboas und Katzennattern waren die
Ausbeute. Eine große Katzennatter die Franz erwischen konnte, war besonders
schön gefärbt - die Flecken am Hals waren bei diesem Tier kräftig
rotbraun!
Häufige „Beifänge“ waren Skorpione (Mesobuthus sp.),
Skolopender (Scolopendra cingulata), Walzenspinnen (Galeodes
sp.) und Schwarze Witwen (Latrodectus sp.) – alle mit z.T.
beachtlichen Ausmaßen.

Steppenlandschaft am Weg zum Kloster
Dawitgaredschi
Zufrieden mit dem Ergebnis des Vormittags, folgten wir einem nach Osten verlaufenden
Taleinschnitt und erreichten bald darauf das Kloster
Dawitgaredschi. Es wurde
im 6. Jhdt. gegründet und besteht aus einer weit verstreuten Ansammlung
von Mönchszellen die in das weiche Tuffgestein gegraben wurden. Das Kloster,
das nach einem persischen Feldzug im 17. Jhdt. aufgegeben wurde und während
der Sowjetzeit den, hier stationierten Soldaten als Ziel für diverse Schießübungen
dienen musste, wurde neuerdings wieder aufgebaut und seiner ursprünglichen
Bestimmung gewidmet. Es war während unseres Aufenthaltes Gegenstand einer
Auseinandersetzung, die uns daran erinnerte, nicht in Europa zu sein:
Die Mönche hatten – mit Unterstützung des georgischen Patriarchats – damit
begonnen, die Mönchszellen und die unschätzbaren Freskenmalereien,
die noch erhalten waren, zu restaurieren (oder was immer sie darunter verstanden).
Leider hatten sie vergessen – oder sie ignorierten diese Tatsache schlichtweg,
- dass die schönsten Fresken auf der Südseite des Berges liegen,
d.h. in Aserbeidschan!
Das Angebot der Aseri, die mit Georgien in einem guten Nachbarschaftsverhältnis
stehen, die historischen Denkmäler gemeinsam touristisch zu nutzen, wurde
von der Kirche Georgiens als unzumutbar abgelehnt. Die – daraufhin entstandenen – politischen
Spannungen zwischen den Nachbarn wurden allerdings bei einem Treffen der Außenminister
beider Länder durch einen beispielgebenden Beschluss entschärft:
Beide schickten anstelle von Truppen lediglich einige Polizisten in das "Krisengebiet"!
Als wir beim Kloster ankamen, waren wir nicht sicher, ob es zurzeit möglich
wäre, die in Aserbeidschan liegenden Höhlen zu besuchen. Als wir
bei den Polizisten nachfragten, wurde uns gesagt, dass das kein Problem wäre.
Einer der Polizisten – denen die Zeit ihres Aufenthaltes an dem abgelegenen
Ort schon allzu lange geworden war, bot sich an, uns zu begleiten und wir
stiegen also den Berg hinan, besichtigten auch die – wirklich großartigen – Teile
der Anlage auf aserischem Gebiet. Der eigentliche Grenzübertritt war
hier ebenso wenig zu bemerken, wie z.B. bei einer Wanderung entlang des Südalpen-Weitwanderwegs!
In der Mittagshitze zeigten sich nur die üblichen Maurischen
Landschildkröten,
Scheltopusiks, Kaukasusagamen und die massenhaft vorkommenden Schnellen
Wüstenrenner.
Der uns begleitende Kriminalbeamte zeigte uns ein Bild einer Ravergier´s
Zornnatter (Hemorrhois ravergieri), die er kurz zuvor hier mit dem
Handy aufgenommen hatte.
Die unendliche Weite der Landschaft kann durch Fotos allerdings nicht ausreichend
wiedergegeben werden!

Panoramaaufnahme beim Kloster Dawitgaredschi (zum
Vergrößern anklicken)
Unterhalb des Klosters – wieder auf georgischer Seite – konnten
wir einen Eindruck der ostgeorgischen Trockenwald-Gehölzflora gewinnen.
Hier wachsen u.A.:
Zürgelbaum (Celtis caucasica), Pistazie (Pistacia mutica),
eine Ahornart (Acer ibericum), Christusdorn (Paliurus spina-christi),
Kreuzdorn (Rhamnus pallasii), Granatapfel (Punica granatum),
Weidenblättrige Birne (Pyrus salicifolia), Zwergmispel (Cotoneaster
div. sp.), Meerträubel (Ephedra procera), verschiedene Wacholderarten
(Juniperus foetidissima, J.polycarpos, J.oxycedrus).
An Reptilien fanden wir wieder Maurische Landschildkröten, Scheltopusiks,
Schnelle Wüstenrenner, Riesensmaragdeidechsen, Kaukasusagamen und eine
Wurmschlange.
Die – immer noch anhaltende – Hitze verleitete uns zu einem schweren
taktischen Fehler bezüglich der Planung des weiteren Tagesverlaufs. Anstatt
ein Stück weit ins innere des Tals vorzudringen, beschlossen wir umzukehren
und Fortuna am Rückweg auf den kühleren Anhöhen zu begegnen. – Das
ging in die Hosen!
Natürlich hatten wir großes Interesse, die im Gebiet häufig
vorkommende Levanteotter (Macrovipera lebetina obtusa) zu sehen. Da
diese Schlange nicht nur in den Gehölzen vorkommt, sondern durchaus auch
in den Steppengebieten zu finden ist, beschlossen wir, an einer Stelle anzuhalten,
die – durch Distelbewuchs leicht kenntlich – von Steppenlemmingen
(Lagurus sp.) durchwühlt war. Bertl hat uns erzählt, dass
man an solchen Orten häufig größeren Schlangenarten wie Vierstreifennattern
und Levanteottern begegnet. Zu unserem Pech war allerdings kurz zuvor eine
große Schafherde dort gewesen und so konnten wir keine einzige Schlange
entdecken!
Der – zugegebener weise unglaublich eindrucksvolle - Blick auf Udabno,
der einzigen Ortschaft in der Umgebung, war uns nur zum Teil tröstlich,
obwohl das Szenario an einen Handelsposten für Geschäfte mit den
Prärieindianern im Oklahoma des 19.Jhdt. erinnert.
Auf der Rückfahrt kamen wir an einem verlassenen – und daher nicht
mehr von Schlangen besuchten - Lemmingbau vorbei, dessen Anblick uns verdeutlichte,
dass an den Geschichten über Leute, die in solchen Bauten bis zum Nabel
eingebrochen waren, wohl etwas Wahres dran sein könnte: Das ganze Areal
der sich langsam wieder verdichtenden Böden war mit metertiefen Einsturztrichtern übersäht
!
Am Dschandaris
Tba, einem Steppensee an der Grenze zu Aserbeidschan suchten
wir nochmals nach Kleinasiatischen Laubfröschen, fanden aber nur ungeheure
Mengen von Wechselkröten und Seefröschen
Hier gibt es eine Swanensiedlung, die nach einem verheerenden Lawinenwinter
in den 1980er Jahren von swanischen Auswanderern gegründet wurde. Die
Swanen sind ein Gebirgsvolk, das im westlichen großen Kaukasus beheimatet
ist und – zum Leidwesen der Kirche Georgiens – an alten, vorchristlichen
Traditionen festhält. An der Straße stand auch ein typisch swanischer
Wehrturm der von den Dorfbewohnern zur Erinnerung an die Heimat errichtet wurde
und hier, in der flachen Steppe etwas fremd wirkte. In solche Wehrtürme
zogen sich noch vor nicht allzu langer Zeit die verfeindeten Sippen zurück,
wenn gerade wieder einmal eine Blutfehde ausgebrochen war. Ein alter Bauer,
den wir ein Stück weit mit unserem Auto mitnahmen, war sehr erfreut zu
hören, dass auch wir aus einem gebirgigen Land stammten und dass wir einen „österreichischen
Swanen“ – den Tiroler Thomas - mit an Bord hatten!
An den Drainagekanälen, die zwischen dem See und Rustawi angelegt waren,
hielten wir nochmals, fanden aber, abgesehen von einer Würfelnatter, wieder
nur Seefrösche, Wechselkröten, Sumpf- und Kaspische Bachschildkröten
und – unter Steinen bzw. zwischen den Büschen – Kaspische
Smaragdeidechsen und Kaukasusagamen.

Nachtexkursion an den Kanälen im Industriegebiet bei Rustawi
Nun fragte Bertl unseren Fahrer, ob er damit einverstanden wäre, nach
Rustavi zu fahren, dort zu Abend zu essen und danach – in der Dunkelheit – zu
den Kanälen zurückzukehren um vielleicht doch noch Hyla
savignyi zu
finden. Murtasi – der unsere Anliegen im Verlauf der Reise immer mehr
auch zu seinen Eigenen gemacht hatte - war sofort dabei! Wir suchten uns also
ein nettes Restaurant, speisten im Garten und kehrten bei völliger Finsternis
zurück.
Die Seefrösche am Kanal veranstalteten ein derartiges Höllenkonzert,
dass wir etwas warten mussten, um überhaupt noch andere Geräusche
wahrnehmen zu können, aber schließlich stellten wir fest, dass
etwa im Abstand von 10m zueinander im Uferbereich tatsächlich Laubfrösche
quakten. Wenn man allerdings die Lampe auf sie richtete, verstummten sie
augenblicklich und taten fortan keinen Mucks mehr. Nach längerer Suche
gelang es uns aber nun endlich doch, einige der Biester zu finden und zu
dokumentieren! Eine im Wasser jagende, sehr hübsch
gezeichnete Ringelnatter wurde ebenfalls erbeutet. Wir sahen auch Würfelnattern,
die mit der Suche nach Nahrung beschäftigt waren.
Beim Wegfahren stellten wir fest, dass Thomas sein Handy verloren hatte. Die
Suche danach kostete uns eine weitere halbe Stunde. Bei der Rückfahrt nach Tbilisi übersah unser armer Murtasi, der nun
doch schon etwas ermüdet war – kein Wunder, nach einem Arbeitstag
von 17 Stunden! - in Rustavi eine rot leuchtende Ampel, wurde prompt von der
Polizei angehalten und musste Strafe zahlen. Als wir endlich in Tbilisi eintrafen,
mussten wir noch Nino´s Strafpredigt über unser ausbeuterisches
Verhalten über uns ergehen lassen, wobei Murtasi den Part unseres Verteidigers übernahm,
wofür wir ihm an dieser Stelle noch einmal herzlich danken!
Lagodechi
Der Süden
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