Korfu - Kerkyra 2003: Ein herpetologischer Reisebericht

von Thomas Bader, überarbeitet von Franz Rathbauer und Christoph Riegler; Fotos von Ingrid Brunner, Thomas Bader, Franz Ratbauer, Wolfgang Simlinger und Christoph Riegler © by herpetofauna.at


Nach einer äußerst interessanten Exkursion nach Cres im Jahr 2002 (Fotos siehe Gallery) haben wir, eine kleine feldherpetologische Gruppe aus Wien, uns entschlossen, im Jahr 2003 die ionische Insel Korfu zu bereisen.
Also brachen wir am 25.4. mit einem VW Bus auf nach Süden. Die Überfahrt mit der Fähre von Triest via Igoumenitsa nach Korfu Stadt dauerte etwa 26 Stunden und vernichtete fast unseren gesamten Biervorrat. Da wir keine Kabinen gebucht hatten, musste der eine oder andere mit der harten Bank als Schlafgemach Vorlieb nehmen.




Die 592 km² große Insel Korfu (gr. Kerkyra) ist die nördlichste ionische Insel und wurde in der Antike als "Smaragdinsel" bezeichnet. Aufgrund ihrer nordwestlichen Lage ist sie mit ca. 1200 mm Niederschlag pro Jahr (mehr als doppelt soviel Jahresniederschlag wie in London) gesegnet und gilt dadurch als die grünste griechische Insel. Mit etwa 115.000 Einwohner ist die Insel sehr dicht besiedelt, die ländlichen Bereiche sind allerdings noch sehr ursprünglich und werden traditionell bewirtschaftet und die allgegenwärtigen Olivenhaine prägen seit Jahrhunderten das Landschaftsbild.




Durch unsere italienischen Kollegen Edoardo Razetti und Massimo Delpino, die eine Woche vor uns die Insel bereisten, erhielten wir ein günstiges Quartier in der Ortschaft Benitses und gute Tipps für herpetologisch interessante Fundpunkte. Ihnen sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt. Nach Erledigung erster Unterkunftsprobleme (Dusche kaputt, Klo kaputt, Zimmer nicht gemacht etc) und nicht weniger als vier Zimmerwechseln fieberten wir bald unseren herpetologischen Feldbeobachtungen entgegen.

Auf Korfu, der im Nordwesten Griechenlands vor der albanischen Küste gelegenen Insel, herrscht ein enormer Artenreichtum. Bisher wurden acht Amphibienarten und dreiundzwanzig Reptilienarten sicher nachgewiesen, zusätzlich gibt es Einzelnachweise der Äskulapnatter (Elaphe longissima), der Europäischen Katzennatter (Telescopus fallax) und einer tropisch-subtropischen Seeschlange (Laticauda colubrina), die zufällig an die Nordwestküste der Insel verschlagen wurde. Zwei weitere Arten sind bisher nur durch Totfunde bzw. Panzerreste nachgewiesen: es handelt sich dabei um die Breitrandschildkröte (Testudo marginata) und die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), die auf einer vorgelagerten Insel Niststrände besitzt.

Korfu Stadt und Halbinsel Kanoni

Die Altstadt von Korfu ist hauptsächlich venezianisch geprägt, wobei die aus der byzantinischen Zeit stammende "Alte Festung" in den Zeiten der Venezianischen Herrschaft stark verändert, die "Neue Festung" durch die Venezianer als Schutz gegen die Osmanen errichtet wurde.
Faszinierend war für uns das orthodoxe Osterfest, bei dem sich die gesamte Inselbevölkerung und zahlreiche Besucher vom griechischen Festland auf dem Stadtplatz Korfu ein Stelldichein gaben.




Mit fast 40.000 Einwohnern ist Kerkyra (Korfu-Stadt) für griechische Verhältnisse eine Großstadt und der tägliche Verkehrsinfarkt ist vorprogrammiert. Wenn man aber glaubt, dass dadurch die Herpetofauna verschwunden ist, befindet man sich auf dem Holzweg. Die häufigste und fast allgegenwärtige Eidechsenart ist die Prachtkieleidechse - Algyroides nigropunctatus. Es gibt auf der gesamten Insel fast keinen von uns aufgesuchten Standort, an dem wir diese hübsche kleine Eidechse nicht finden konnten - so war sie auch im gesamten Stadtgebiet von Korfu häufig. Sie dürfte das bevorzugte Beutetier der Schlanknatter - Coluber najadum sein, von der wir auf der neuen Burg zwei Exemplare entdeckten. Sie kommt vor allem auf Mauerwerk, alten Steinmauern und in den Siedlungsgebieten vor und zählt hier zu den auf der Insel häufigeren Schlangenarten.

Nur wenige Meter neben den Schlanknattern der Burgmauer konnte Karl mit seiner Schlinge eines der herpetologischen Highlights der Insel fangen, einen Hardun - Stellio stellio. Die Art kommt relativ häufig im Bereich der Erhebungen und Mauern im Umfeld der Stadt und auf Kanoni, sowie im Bereich des Achilleions (Märchenvilla von Kaiserin Elisabeth) vor. Die scheuen Agamen sind nur im Bereich der Touristenattraktionen etwas zutraulicher und verteidigen ihre Reviere gegenüber Artgenossen durch ständiges nervöses Kopfnicken.



Wir konnten feststellen, dass sich die Hardune im Gegensatz zu den bisherigen Literaturberichten (demnach sollen sie nur im Umfeld des Dreiecks Korfu - Kanoni - Achilleion vorkommen) nun auch sehr weit nach Westen ausgebreitet haben. Im Bereich Sinarades erreicht die Art bereits fast die Westküste. Auf der Halbinsel Kanoni konnten wir zwar den Epirus-Wasserfrosch (Rana epeirotica) in den dortigen Teichen nachweisen, die Wechselkröte (Bufo viridis), die laut Literatur dort vorkommt, zählte allerdings zu den wenigen Ausnahmen, die wir nicht finden konnten.

Der Norden

Der Pantokrator ist mit seinen 906 m Seehöhe die höchste Erhebung der Insel, die im Norden Gebirgscharakter aufweist. Olivenhaine am Bergfuß werden in der Höhe von Macchien, sowie karger Garrigue und Weideland abgelöst. Diese Region ist die Heimat der einzigen Viper der Insel, der Sandotter - Vipera ammodytes, die zwar auf der gesamten Insel verbreitet ist, in den Gebirgslagen aber häufiger vorkommen soll.



Leider waren zwei von den vier von uns gefundenen Exemplaren Todfunde auf der Straße. Ein weiterer Nachweis konnte mittels einer unter einem Stein gefundenen Exhuvie (abgestreiften Haut) erbracht werden. Am westlicher gelegenen Berg Louka (625 m) fand Franz eine hübsche Erdkröte - (Bufo bufo spinosus) - unter einem Stein. Zwar fanden wir die Kröten (oft auch Kaulquappen) an vielen Wasserstellen in allen Regionen der Insel, jedoch war im weiteren Umkreis dieses relativ hoch gelegenen Standortes nirgendwo eine Wasserstelle zu finden.

An der Nordküste verbrachten wir in Sidari einen schönen Nachmittag - die Mittagszeit war oft recht arm an Funden, daher verlegten wir unsere Aktivitäten mehr auf Schwimmen, Bier und was sonst noch dazu gehört.



Bei unserer Gebirgsüberquerung trafen wir auch auf einen alten Wiener Bekannten - das Große Wiener Nachtpfauenauge (Saturnia pyri), einen der größten Falter Europas, den wir auch aus dem Wienerwald, den Donauauen und dem Weinviertel kennen.

An einem eutrophen kleinen Bach bei Sidari konnten wir neben etlichen Erdkrötenquappen eine Europäische Sumpfschildkröte - Emys orbicularis fangen. Zwei weitere konnten wir im zentralen Bereich im Ropatal und am Limni Korrision nachweisen. Sie sind allerdings zu dieser Zeit des Jahres recht versteckt und nicht leicht zu finden, da die Wasserstände der Teiche und Bäche noch relativ hoch sind. Da aber einem echten Schildkrötenfänger, wie unserem Franz, keine Tortur zu viel ist, stürzte er sich barfüßig in die Fluten (Drecklacke) und erwischte tatsächlich das gesichtete Tier.

Der zentrale Teil:

Bereits auf unserer Zimmersuche im Ortskern von Benitses fanden wir in einem Bachkolk fünf Arten, denen wir sogar nach der täglichen abendlichen kulinarischen Verwöhnung durch unseren Stammwirten und etlichen Mythos, sowie Retsins nachstellten. Dabei konnten wir unter anderem etliche Laubfrösche (Hyla arborea) nachweisen, die wir in unserem Dusel zwar hören, aber trotz geringster Distanz nur selten zu Gesicht bekamen. In diesem Teil des Mittelmeers kommt dieselbe Art wie in Mitteleuropa vor, die sich vom Mittelmeerlaubfrosch (kommt in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel vor) durch den deutlichen lateralen Längsstreifen unterscheidet.

Laubfrösche fanden sich auch an den zentralen Dolinengewässern und auch am Limni Korrision im Süden. Ebenfalls häufig konnten wir den Teichmolch (Triturus vulgaris graecus), der hier in der "griechischen" Unterart vorkommt, beobachten. An vielen Wasserstellen über die ganze Insel verstreut war dieser kleine Molch zu finden, meist aber in geringer Anzahl.

Ein außergewöhnlicher Nachweis gelang am Sandstrand von Agios Gordis im Westen der Insel, durch den ein kleiner Bach fließt. In einem Kolk tummelten sich neben Grünfröschen und Erdkrötenquappen auch neun Teichmolche. Die Unterarten des Teichmolchs sind eigentlich nur am Prachtkleid des Männchen zu unterscheiden. Sowohl bei der Unterart "meridionalis" als auch bei der auf Korfu nachgewiesenen Unterart "graecus" ist der Rückenkamm relativ niedrig und glattrandig ausgeprägt, wobei er bei "graecus" zumeist mehrere dunkle Flecken aufweist, bei "meridionalis" dagegen einfarbig hell erscheint. Den von unserem Kollegen Peter F. Keymar erstmals nachgewiesenen Kammmolch - Triturus carnifex in der Unterart macedonicus konnten wir leider nicht finden.

 

Der Grünfroschkomplex wird in Korfu vom häufigeren Epirusfrosch - Rana epeirotica und vom Seefrosch - Rana ridibunda gebildet, wobei der Epirusfrosch an fast allen Wasserstellen vorkommt, auch an kleinen Pfützen und an Fließgewässern. Wir konnten die Arten eigentlich nur an den Stimmen unterscheiden, wobei der Seefrosch durch sein typisches Keckern auffällt und der Epirusfrosch eher unserem Teichfrosch ähnelt.

Seefrösche waren nur an den großen Dolinengewässern bei Poulades, Gavrolimni und Agios Onoufrios deutlich herauszuhören, wobei an diesen Stellen die Epirusfrösche von den Seefroschchören deutlich überstimmt wurden.

Beim Abstieg in die Senke von Gavrolimni drehte Karl auf der Suche nach Skorpionen, Skolopendern und Clausilien (Schließmundschnecken oder Clausiliidae) etliche Steine um; dabei konnte er ein weiteres Highlight der lokalen Fauna, die eher an einen Regenwurm als an eine Schlange erinnernde Wurmschlange (Typhlops vermicularis) ergattern. Beim Anblick dieser Schlange versteht man auch, warum diese Schlange mit ihren kleinen Lichtsinnesorganen auch als "Blödauge" bezeichnet wird; das Blödauge verhielt sich sehr agil und konnte so kaum fotografiert werden. Dies war unser einziger Nachweis dieser Art, die laut Literatur auch am Limni Korrision vorkommen soll. An den Wasserstellen bei Gavrolimni erwischte Thomas eine weitere seltene Schlange der Insel, eine Würfelnatter (Natrix tesselata). Von drei gesichteten Würfelnattern konnte nur ein melanistisches, juveniles Exemplar gefangen werden; die beiden anderen waren normal gezeichnet, aber etwas zu schnell für uns. Die letzten Nachweise dieser Art datieren aus den 80er Jahren.

Vom Ehrgeiz der Funde von Karl und Thomas getrieben, machte sich nun auch Hannes intensiv auf Schlangensuche und es dauerte keine zehn Minuten, bis wir ihn mit einer riesigen Schlange, die er am Schwanz erwischt hatte, tanzen sahen, da diese versuchte ihn zu beißen. Es handelte sich dabei um die größte jemals von uns gefangene Eidechsennatter, eine giftige Trugnatter, deren Giftzähne weit hinten im Gebiss situiert sind und bei Tieren von normaler Größe für den Menschen kaum gefährlich sind. Bei diesem Exemplar allerdings, dessen Umfang wesentlich imposanter war als die "bescheidene" Länge von gut 1,60 m, war es durchaus ratsam, Bisse zu vermeiden. Nachdem sich die Schlange beruhigt hatte, wurde sie vermessen und fotografiert und anschließend wieder in Freiheit entlassen, wobei sie sich noch längere Zeit wie eine Brillenschlange stellte und uns drohte, bevor sie das Weite suchte.

Durch ihre vorstehenden Oberaugenschilder (Supraocularia) besitzt die Eidechsennatter einen "grimmigen Blick". Sie zählt zu den häufigeren Schlangen auf der Insel, die wir über ganz Korfu verstreut finden konnten, von trockenen bis zu feuchten Habitaten. Sie ist nicht leicht zu fangen, da sie blitzschnell reagiert und besonders große Exemplare recht aggressiv sein können.




Eine Eidechsenart, die auf der gesamten Insel häufig vorkommt, ist Lacerta trilineata - die Riesen-Smaragdeidechse, die mit ihrer grünen Färbung in der Vegetation gut getarnt ist und oft erst durch laute Fluchtgeräusche wahrgenommen wird. Wir konnten einige der flinken Tiere händisch fangen, die Mehrzahl fischte unser Karl mit seiner Schlinge heraus.

Die Jungtiere der "Trilis" unterscheiden sich deutlich von den Adulten, da sie die typischen drei Streifen am Rücken aufweisen und sonst bräunlich gefärbt sind. Trotz ihrer Häufigkeit waren wir immer wieder begeistert von ihrer Schnelligkeit, Neugier, Aggressivität und ihrem Aussehen, und jeder erfolgreiche Fang dieser Art war ein Highlight dieser Reise.

Lange Zeit bezweifelten wir die in der Literatur angegebenen Funde ihrer Schwesterart, der Eigentlichen Smaragdeidechse - Lacerta viridis, bis Franz unter einem verrosteten Blech in der Nähe der Dolinentrichter von Poulades ein typisch gefärbtes, subadultes Tier entdecken und auch fangen konnte. Winzige Stücke des Schwanzes dieses Tieres und der Schwänze einiger Riesen-Smaragdeidechsen sollen bei chemosystematischen Untersuchungen am Wiener NHM Aufschluss darüber geben, um welche Tiere es sich genetisch tatsächlich handelt und wie sie zueinander verwandt sind.

Südlich an die Dolinenlandschaft um Tembloni schließt die deutlich trockenere, ebenfalls sehr artenreiche Hügellandschaft zwischen Afra und Val di Ropa an. Wir konnten dort etliche Griechische Landschildkröten - Testudo hermanni boettgeri finden. Trotz Verfolgung und Landschaftszerstörung ist diese Art auf der Insel noch nicht gefährdet, was auch etliche Funde von Jungtieren belegen.

Mehrfach wurde die Art nicht nur in diesem zentral gelegenen Gebiet sondern auch am Limni Korrission (dort auch besonders viele Jungtiere) gefunden. Die Panzer der von uns gefundenen Tiere waren (im Gegensatz zu etlichen Literaturzitaten) zumeist in einwandfreiem Zustand und die Tiere wurden besonders am frühen Morgen im leichtem Tau beim Fressen vorgefunden, während sie später am Tag kaum mehr zu beobachten waren.




Wir waren im Gebiet des Limni Korission gezielt auf der Suche nach zwei Schlangenarten: zum einen wollten wir endlich eine Leopardnatter (Elaphe situla) finden, die wir bereits in Cres vergeblich gesucht hatten. Sie wurde uns von den Italienern für dieses Gebiet bestätigt. Leider konnte diese wohl schönste Schlange Europas von uns nicht gefunden werden - im Gegensatz zur Kaspischen Pfeilnatter (Coluber caspius), die von Michael und Franz unter einem Bündel von Olivenerntenetzen gefunden und zum Glück auch gefangen werden konnte. Die flinke aggressive Schlange zählt mit bis zu 3 m Länge zu den größten Schlangen Europas, unser Exemplar war allerdings nur etwa 1,30 m lang.

Es blieb (außer einem ziemlich plattgewalzten, schon etwas ausgetrockneten Totfund) der einzige Fund dieser eleganten, flinken Schlangenart, die zwar auf der Insel weit verbreitet vorkommt, aber doch relativ selten zu sein scheint. Das etwa 1,2 m lange Tier hatte noch die typische Jugendfärbung mit zahlreichen schwarzen Flecken auf dem Rücken des Vorder- und Mittelkörpers, wobei Wütschert schreibt, dass diese Färbung auch von den adulten Pfeil- oder Springnattern auf Korfu häufig beibehalten wird.

Eine nahe verwandte Art ist die Balkan-Zornnatter - Coluber gemonensis, die deutlich häufiger als die Pfeilnatter ist, diese aber an Körpergröße bei weitem nicht erreicht. Die längsten Exemplare erreichten etwa 1 m Länge und waren sehr bissig. Wir konnten einige dieser Schlangen fangen, die sich auf die trockenen Bereiche der Insel, im speziellen auf Olivenhaine und Legsteinmauern und auf Weideland, spezialisiert haben.

Die zwei auf Korfu heimischen Arten der Schleichen, die besonders häufig mit der Zornnatter syntop vorkommen, sind über die gesamte Insel verbreitet und überall häufig. Zum einen handelt es sich um die auch bei uns bekannte Blindschleiche, die man nach der Prachtkieleidechse als zweithäufigste Reptilienart bezeichnen kann. Als besonderer Spezialist mit einem Händchen für Anguis fragilis entpuppte sich Franz, der sie an besonders vielen Fundpunkten nachweisen und ausgiebig fotografieren konnte. Thomas fand einmal unter einem Stein einen ganzen Knäuel von Blindschleichen.

Die zweite Schleichenart der Insel, die ebenso gutmütig und harmlos ist, ist der bis zu 1,5 m lange, tollpatschig aussehende Scheltopusik (Pseudopus apodus thracius), der meist im Gras herumliegt und erst bei Annäherung zu fliehen beginnt; dabei kann er trotzdem nur erwischt werden, wenn er nicht gerade in der Nähe eines rettendes Dornbusches liegt. Überraschend schnell wirft er sich - durch seine Panzerung geschützt - in das Gestrüpp, wobei er durchaus andere Vertreter der Herpetofauna richtig "alt aussehen" lässt. Wird er gefangen, so hinterlässt er wie die verwandte Blindschleiche seine Fäkalien auf T-Shirt oder Hose des Fängers als Souvenir.


Der Süden:

Der Süden der Insel weist kleinere Hügelketten auf und verschmälert sich, je weiter man nach Süden kommt, immer mehr, um nach Osten hin auszulaufen. Ganz im Süden befindet sich die Stadt Lefkimi und die Flussmündung des Chimaros mit ausgedehnten Süß- und Brackwassersumpfgebieten und einer einmaligen botanischen Vielfalt. Auch ornithologische Besonderheiten, die bei uns längst verschwunden sind, finden sich dort noch recht häufig, wie Wiedehopf, Schwarzstirn- und Rotkopfwürger sowie Bienenfresser und Zwergohreulen. Beeindruckend ist auch die Anzahl der Libellen, Schmetterlinge, Spinnen, Heuschrecken und Orchideen.



Im Sumpfgebiet des Chimaros ist der Springfrosch (Rana dalmatina) heimisch, der zwar über die ganze Insel verbreitet ist, aber nur im Süden wirklich häufig vorkommt.
Korfu ist eine der wenigen griechischen Inseln mit Springfroschvorkommen - es gibt hier sonst keine andere Braunfroschart. Der Springfrosch teilt seinen Lebensraum unter anderem mit der Kaspischen Wasserschildkröte (Mauremys caspica rivulata), der zweiten Sumpfschildkrötenart.

Wir konnten lediglich ein vor wenigen Tagen dem Ei entschlüpftes Jungtier an einem Bachabschnitt bei Ano Messongi nachweisen, obwohl die Art auf Korfu häufiger als Emys sein soll; beide Arten sind später im Jahr wesentlich leichter nachzuweisen, da die Wasserstellen dann oft trocken fallen und den Tieren die Versteckmöglichkeiten fehlen. Erwähnenswert ist das sporadische Auffinden von Resten der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) auf Korfu. Auf der im Süden vorgelagerten Insel Nisi Lagoudia soll es noch Eiablagestellen der Art geben.

Ein alter Bekannter (von Mali Losinj) begegnete uns häufig im Bereich der Zisternen und nahe der Ortschaften. Es handelt sich dabei um einen Gecko, den Europäischen Halbfingergecko (Hemidactylus turcicus), der sich als nachtaktiver Kulturfolger häufig unter Steinen und in den abgedeckten Brunnenhohlräumen (Zisternen) versteckte.
Die niedlichen kleinen Tiere sind allerdings sehr filigran und es kommt relativ leicht vor, dass sie den Schwanz auch ohne heftige Berührung verlieren. In einer Zisterne konnten wir über 15 Stück der flinken Tiere finden, die sehr unterschiedlich gefleckt waren.

Lake Korrision:

Obwohl zum Süden gehörig ist dieser Süßwasserlagune ein eigenes Kapitel gewidmet - die Dünenlandschaft dort ist einzigartig, vielseitig und vom herpetologischen Standpunkt aus besonders artenreich. Im Umfeld dieser Lagune konnten wir fast alle bisher beschriebenen Arten finden; eine besondere Schlangenart fesselte uns fast die Hälfte unserer Exkursionszeit an dieses Gebiet, wobei unsere Hartnäckigkeit schlussendlich belohnt wurde (siehe weiter unten).

 

Zum einen fanden wir dort die Wieseneidechse (Podarcis taurica ionica). Sie kommt allerdings deutlich seltener als Algyroides vor, wogegen sie auf den südlicheren Ionischen Inseln zur dominierenden Eidechse wird. Sie kann als ökologischer Vertreter unserer Zauneidechse angesehen werden - wir fanden sie über die ganze Insel verstreut, allerdings immer auf wiesenartigen Strukturen.

Karl und Franz konnten unseren ersten Skink (Ablepharus kitaibelii kitaibelii), die Johannisechse, unter Laubstreu entdecken und fangen. Obwohl die kleinen Skinke nur Beinreste aufweisen, sind sie sehr flink und äußerst schwierig zu fangen. Wir fanden nur wenige Exemplare, was bei der versteckten und gut getarnten Lebensweise nicht zwangsläufig heißt, dass die Art selten ist.

Zwei Wochen früher fanden die italienischen Freunde nach zahlreichen Regengüssen diese Art wesentlich häufiger an der Oberfläche. Besonders geneckt hat uns die Ringelnatter (Natrix natrix persa), die wir einmal bereits in Benitses fanden, aber nicht fangen konnten. Am Limni Korrision entwischte Thomas mehrmals ein großes Exemplar, aber einige Tage später erwischte er sie endlich doch durch einen Sprung ins Wasser; ein wunderschönes Exemplar dieser gestreiften Unterart der Ringelnatter war der Lohn für seine nassen Hosen.

Eine weitere Schlange, die wir immer wieder auf der gesamten Insel finden konnten (auch mehrere Exemplare am Limni Korrision), ist die Vierstreifennatter - Elaphe quatuorlineata. Wir fanden die Schlange, die in der Jugend stark gefleckt, im Alter aber längsgestreift ist, in allen Entwicklungsstadien, auch gerade im Übergangsstadium in einer Mischfärbung. Diese Natter hat ein breites ökologisches Spektrum und besiedelt zahlreiche unterschiedliche Lebensräume - wir fanden sie an Gewässern ebenso wie in trockenen Olivenhainen.

Wenn man sich nach all diesen Bildern und den beschriebenen Arten die Bilder der Euphorie, Freude, Enttäuschung usw. ansieht, so möchten wir hier nochmals versichern, dass die Tiere nicht zu Schaden gekommen sind und nur zum Zweck eines schönen Fotos kurz gefangen wurden (eine Ausnahme sind die wissenschaftlich notwendigen Schwanzproben, die aber den Tieren auch kaum Schaden zufügten).

Trotzdem: eine Art, die wir unbedingt sehen wollten, blieb uns bis zum letzten Tag verborgen. Es handelt sich dabei um die absolute WHO IS WHO - Schlange von Korfu, eine Riesenschlange, die allerdings in Korfu bisher nur wenige Male gefunden wurde, das letzte Mal in den 80er Jahren.



So fuhren wir, von absoluter Hartnäckigkeit getrieben, auch am letzten Abend noch einmal zum Limni Korrision und besuchten eine Stelle, von der wir glaubten, das dort 1983 das letzte Exemplar der westlichen Sandboa - Eryx jaculus thracicus gefunden wurde. Wir wussten, dass die Schlange hauptsächlich unterirdisch lebt, erschraken aber beim Steinumdrehen sogar vor den Scheltopusiks und Eidechsen. An diesem Abend fing Franz eine überdimensionale Vierstreifennatter, Thomas versaute einer großen Eidechsennatter, die gerade einer Smaragdeidechse auflauerte, ihr Abendessen und Michael fing eine der flinken Johannisechsen.

So waren wir schon vom Glück verfolgt, bevor Hannes beim Steinwenden auf einer Böschungsmauer mit Hilfe von Michael eine Sandboa entdeckte und beide die sich sofort vergrabende Schlange wieder ausgruben. Die Sandboa zählt zu den Riesenschlangen, wird aber nur bis zu 80 cm lang. Unser Weibchen war 60 cm lang und sehr schön gezeichnet.

Typisch für die unterirdisch lebende, plumpe Schlange sind die kleinen Augen und der verdickte Schwanz. Die Schlange sondert bei Gefahr (ebenso wie die Natrix-Arten) ein stinkendes Sekret ab, was uns aber nicht vom Fotografieren und Vermessen abhalten konnte. Für uns war dieser Fund das Highlight unserer Reise schlechthin und der Beweis dafür, dass Totgesagte doch manchmal länger leben.

Fotos zur Herpetofauna auf Korfu gibts in der Foto-Gallery