Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

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Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon Gerald » Di Nov 13, 2012 19:12

Eine Frage die diesen Herbst ein paar Mal aufgekommen ist:
Hat jemand Erfahrung wie es mit der Aktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen (>1000 müS) im Herbst aussieht, speziell während solcher typischen Hochdrucklagen, wo in den Bergen sehr schönes (teilw. wolkenlos) und warmes Wetter ist, im Tal hingegen Nebel. Zeitlich ~ im Oktober.

Subjektiv entstand nämlich der Eindruck, dass zumindest hier in Ostösterreich, im Gegensatz zu z.B. den Tieflandpopulationen aus England, trotz mutmaßlich passenden Wetters, nicht mehr viel bis nichts unterwegs ist. Ähnlich für die Bergeidechse.
Allerdings können wir uns nur auf einzelne, wenig repräsentative Freilandtage beziehen und nur speziell auf diese Hochdrucklagen, weil man ja sonst eher weniger wandern geht ;-)
Würde mich über Meinungen/Literatur freuen.

Schöne Grüße
Gerald

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon rennfahrersepp » Mi Nov 14, 2012 8:17

Ich konnte vor einigen Jahren in der Paklenica in Kroatien am Allerheiligentag noch ammodytes und situla beobachten. Es hatte oben in den Bergen ca. 10 grad. Beide Schlangen waren in der Sonne, aber kaum zu einer Bewegung fähig. Im Tal gab es zu dieser Zeit noch massenhaft algyroides an den Hausmauern.

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon pleurodeles » Mi Nov 14, 2012 11:53

Zervous Gerald!

Also spontan fällt mir dazu Folgendes ein (bin aber nicht ganz sicher, ob der Zusammenhang so stimmt): In den Ostalpen ist es ja klimatisch sehr rau, kein Vergleich zu den (süd)westlicheren Alpengebieten Richtung Tirol und Schweiz, wo ja noch auf 2500 m und höher eine Fauna vorkommt, die man im Osten schon auf 1500 m vergebens sucht. Dementsprechend könnte ich mir vorstellen, dass auch die Vegetationsperiode und somit die Aktivitätsperiode der Tiere in den Ostalpen schon früher zu Ende ist. Dh. wenn es hier Anfang Oktober mal ordentlich runterschneit und einem die Finger abfrieren würden, ist es schon so widrig, dass sich die Ottern hier gleich in den Boden verziehen und dann auch nicht mehr so schnell rauskommen.
Mit den englischen Tieflandpopulationen würde ich die östlichen Alpenpopulationen nicht unbedingt vergleichen, die haben ja da drüben ein ganz anderes Klima mit milderen Temperaturen, wo die Aktivitätsphase bestimmt eine längere ist (ist aber auch nur eine Vermutung). Wenn, dann wäre glaub ich ein Vergleich mit skandinavischen Populationen treffender.
Alles in allem hat das bestimmt klimatische Gründe.

Hab mal kurz den alten Schiemenz dazu befragt. Recht viel gibt er bei diesem Thema nicht her, aber doch immerhin etwas. Da wird von einer maximalen Tageslufttemperatur von 13 °C geschrieben, unterhalb derer die "Herbstbesonnung" beendet wird. Bei Temperaturen unter 8-10 °C suchen die Tiere das Winterquartier auf, "wobei vor allem der Wechsel bei den Bodentemperaturen-Verhältnissen eine Rolle spielt. Der erste Schneefall vertreibt schließlich die letzten Individuen."
Und wenn dieser erste Schneefall recht früh kommt (so wie heuer), werden wohl auch dementsprechend die Schlangen früher weg sein. In England wird man auf den Schnee vermutlich länger warten...
Die Überwinterung beginnt laut diesen Angaben je nach geographischer Lage etwa zwischen Mitte September und (im Extremfall) Anfang November. Das Gros wird sich wohl im Oktober in die "Horizontale" begeben.

LG,
Günther

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon pseudopus1 » Mi Nov 14, 2012 14:51

Hallo!

Wir waren auch noch definitiv vor diesen tiefen Temperaturen unterwegs, allerdings waren mal auch viele Touristen abseits der Wanderwege am herumkrabbeln (z.b. Rax), ansonsten hatten wir vielleicht einfach Pech oder die Nacht-/Frühtemperaturen waren tatsächlich schon zu niedrig. Abgesehen von vielen Mäusen war nichts los, nichtmal Z. vivipara. Nach dem ersten Schneefall waren wir auch nicht mehr suchen. Aus England gab es weiterhin Fundmeldungen, während wir längst nichts mehr sahen, genauso überraschend viele V. ursinii moldavica Sichtungen aus Ostrumänien, die jetzt natürlich nicht unbedingt der beste Vergleich wären, aber die Temperaturen in der Region dürften doch länger günstiger gewesen sein, als hier in Österreich. Interessant wären zum Vergleich vielleicht noch unsere Tieflandpopulationen (z.B. Waldviertel), die kleinklimatisch natürlich wieder anderes gewohnt sind.

Trotzdem hätte ich V. berus bei einigen frühherbstlichen Ausflügen doch erwartet, als die Bedingungen scheinbar gepasst hättnen...naja, nächstes Jahr dann wieder.

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon rennfahrersepp » Do Nov 15, 2012 16:28

Meine Beobachtungen gehen in die Richtung, dass nach dem ersten Schnee so ziemlich alles unter der Erde ist. Ich konnte bis zum 28.10.2012 noch vereinzelt Pelophylax und Dalmatina in der Au beobachten....am 29.10. hat es geschneit..und weg sind sie....

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon Muralis » Do Nov 15, 2012 22:26

Hallo!

Die erstaunlichste Beobachtung diesbezüglich hatte ich vor etwa 15 Jahren an einem Nationalfeiertag am Scheiblingstein bei Lunz. Knapp unter dem Gipfel bei über 1500m stieß ich auf eine Kreuzotter. Es herrschte hochnebelartige Bewölkung und die Temperaturen dürften nur knapp über dem Gefrierpunkt gelegen haben. 50m weiter nach oben war dann der Boden gefroren. Die Schlange zeigte kaum Ambitionen sich zu bewegen und es war gar nicht einfach, sie dazu zu bringen, in den Bau zu kriechen.

Ich glaube, etwas später ist dann oben noch die Sonne gekommen und es ist recht warm geworden. Etliche Heuschrecken waren dann auch noch zu finden.

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon Gerald » Do Nov 22, 2012 17:38

Ein spätes Danke für die Antworten!
Dass der Vergleich mit England dermaßen hinkt ist mir erst verspätet klar geworden (z.B. Nachtfrost).
Der Hinweis mit dem ersten Schneefall ist interessant. Attila, wenn ich mich richtig erinnere war euer letzter Besuch ebenfalls nach dem ersten Schneefall, und somit mutmaßlich ziemlich sicher nach dem ersten Frost. Wobei so Sachen wie niedrige Tageslufttemperatur und Schneefall kann's in den Bergen ja schnell einmal haben..

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon Srutl » Sa Nov 24, 2012 15:11

Hi Jungs!

Also ich wäre sehr vorsichtig bei der Aussage, dass die Ostalpenausläufer ein deutlich rauheres Klima haben als es in den Bergen von Tirol und der Schweiz herrscht. Viel mehr ist die Nord- Süd Situation entscheidend als Ost -West Situation und ganz wesentlich ist die Exposition bzw. die Ausgesetztheit. Die Alpennordseite (nördlichen Kalkalpen) sind einfach deutlich rauher und niederschlagsreicher als die Zentralalpen, der meiste Regen fällt beim Auftreffen von (Nord)westströmungen bereits an der Nordseite. Auch die Waldgrenze als Parameter für Klimazonen liegt im Norden zw 1700 und 1900 m und in den östlichen Zentral- und Südalpen bei 1900 - 2300. Im Pustertal fand ich eine Kreuzotter auf 2300 m, das wäre in den nördlichen Kalkalpen Tirols undenkbar (glaub ich).
In Tschechien beispielsweise auf den Bergen rund um Liberec (Reichenberg) herrscht schon auf 1000m (zb auf dem Jeschken) ein Klima vergleichbar mit einem ca. 1000 m höheren in den Alpen, auch die Vegetation entspricht dieser Höhe (vgl. Schnee - Wind Ökogramm von Aulitzky für kristalline Gesteine). Dort bläst der Wind fast immer ganz extrem.

Für Kreuzottern ist glaub ich das Mikrohabitat von entscheidender Bedeutung: Windstille, schnell erreichbare Frostsicherheit, Exposition um sich schnell aufzuwärmen inkl. Strukturen wie Holz oder dunkle Steine, die sich schnell aufwärmen oder auch die Wärme länger halten. Kreuzottern wurden schon oft während relativ kalter aber auch regnerischem Wetter gefunden zB auf unserer Exkursion mit Mario in Salzburg hat es auch schon leicht genieselt.
Unsere Fundmeldungen zeigen, dass zwar im Frühherbst noch einige Kreuzottern gemeldet wurden, dass aber jetzt nichts mehr los ist. In Reutte hatte es am Ende Oktober mit 27 Grad einen neuen Hitzerekord - ich glaube, dass solche Phänomene für Kreuzottern ganz schlecht sind, denn falls sie aus der Winterruhe kommen, verbrauchen sie zu viel Energie, eine Nahrungsaufnahme ist ausgeschlossen, da es zu kalt zum Verdauen ist (auch wenn es am Tag warm ist, sind in den klaren Nächten immer Fröste). Nicht umsonst ist die Kreuzotter im Tiefland ein typischer Bewohner der Kältelöcher (Mühl -Waldviertel, Böhmen, Skandinavien etc). Wo ich herkomme (Lechtal), kenne ich Kreuzottern nur von den kältesten Teilen der Region, und im Flysch kommt sie auch nicht vor (fehlende Hohlräume im Untergrund). Ich glaube also, dass Kreuzottern im späteren Herbsz nicht oder kaum mehr aktiv sind, auch nicht bei Wärmeeinbrüchen.
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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon pseudopus1 » So Nov 25, 2012 15:14

Hello,

Also schlechtwettermäßig sind Kreuzotter im Frühjahr (also nach Winterruhe/Beginn Paarungszeit) sehr zäh, wir hab sie mal bei etwa 7 - 10 Grad Celsius, starkem Nebel, zwischendurch immer wieder kurze Sonnenbestrahlung und zusätzlich Regen und Hagel(!), gefunden. Die Tiere waren während den Hagel- und Regensequenzen irgendwo versteckt und wenige Minuten danach wieder heraußen.

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Re: Herbstaktivität von Kreuzottern aus Bergpopulationen

Beitragvon rennfahrersepp » Mi Dez 05, 2012 6:53

Ich war in den letzten Tagen ein paarmal auf den Bergen. Bei Inversionswetterlage ist es oben schön warm und sonnig. Es ist erstaunlich, was um die Zeit alles noch in der Wiese unterwegs ist: Heuschrecken, Raupen, jede Menge Spinnen....mich hätt's nicht gewundert, wenn die eine oder andere Bergeidechse noch wo unterwegs ist. In der Nacht kühlt es allerdings empfindlich ab, aber solche Tage hat man im April auch immer wieder: Nachts unter 0 und am Tag über 15 Grad. Und da sind auf jeden Fall schon die Reptilien unterwegs.

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