Schlangenbiss

Kreuzotter, Sandotter, Wiesenotter

Moderatoren: Vipersgarden, Herpetofauna.at-Team

Fühlt sich wie zu Hause
Beiträge: 279
Registriert: Mo Nov 04, 2002 2:00

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Habichtskauz » So Mai 09, 2004 23:10

Am Wochenende hatte ich seit langem wieder einmal das Glück einer (gleich doppelten) Kreuzotternbeobachtung. Bei der ersten hatte ich zusätzlich Glück, weil ich sie erst bemerkt habe, als ich grade beim Drübersteigen war. Hätte leicht zubeißen können. - ein bisschen ein mulmiges Gefühl wars jedenfalls (vor allem auch jetzt wo ich das Posting mit dem aktuellen Todesfall seh).

Hat wieder einmal meine (der Literatur oft entgegengesetzten) Erfahrung entsprochen, dass Kreuzottern nicht so schnell flüchten. Allerdings muss man eben auch sagen, dass sie sich - wie leider auch oft verunglimpft wird - in keinster Weise agressiv verhalten hat.

In jedem Fall war es wieder einmal eine sehr schöne Beobachtung: 1 schwarze mit noch weitgehendem braunem Kopf und ein völlig mattschwarzes Exemplar. Beide sonnten sich gerade in der Abenddämmerung

Fühlt sich wie zu Hause
Benutzeravatar
Beiträge: 406
Registriert: Di Jan 13, 2004 2:00
Wohnort: A - 9564 Patergassen

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Mamba » Mo Mai 10, 2004 9:12

In meiner Literatur zum Thema "Giftigkeit" habe ich in 2 Publikationen übereinstimmend folgendes über die "Giftigkeit" der Kreuzotter gefunden: Inhalt der gefüllten Giftdrüsen 10-18 mg, tödliche Dosis/Mensch 20-25 mg, wobei es sich, soweit zu ersehen, um die Dosis "certe letalis" handelt, im Gegensatz zur LD50, die im Tierversuch ermittelt wird und bei der 50% der Versuchstiere sterben.
Als Vergleich dazu zeigen die Werte der Texas-Klapperschlange (Crotalus atrox) mit 200-300 mg Drüseninhalt und 100!mg tödlicher Dosis, dass unsere Kreuzotter nur ihrer geringen Grösse wegen relativ ungefährlich ist, die Potenz ihres Giftes übertrifft diejenige vieler tropischer Giftschlangen bei gleicher Menge.
Bei der Auflistung der gefährdeten Menschen wurde eine Personengruppe vergessen. Bei Leuten, die eine starke Allergie gegen artfremdes Eiweiss besitzen, kann ein Kreuzotterbiss, unabhängig vom Alter des Gebissenen, im Extremfall innert Minuten letal enden.
Antivenin gegen den Biss europäischer Vipern liegt übrigens bei mir im Kühlschrank, mir sind zur Zeit mindestens 4 Betriebe bekannt, die ein polyvalentes Serum herstellen, sowie eine Firma mit einem monovalenten Antivenin für Vipera berus. Bei Interesse kann ich auf Anfrage Unterlagen zur Verfügung stellen oder Adressen bekanntgeben.

Moderator
Beiträge: 666
Registriert: Mo Jun 17, 2002 2:00
Wohnort: 1220 Wien

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Srutl » Mo Mai 10, 2004 14:41

Hallo Mamba!

Gegen welche Art von Schlangen wirkt Dein polyvalentes Serum?
Gibt es Seren, die sowohl gegen Giftnattern als auch gegen Vipern wirken?

th
======================


Srutl

Fühlt sich wie zu Hause
Benutzeravatar
Beiträge: 406
Registriert: Di Jan 13, 2004 2:00
Wohnort: A - 9564 Patergassen

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Mamba » Mo Mai 10, 2004 17:26

Hallo Srutl
Das polyvalente Antivenin für europäische Viperiden enthält Antikörper gegen das Gift von Vipera berus, aspis, ammodytes,ursinii. Bei zwei Firmen sind sogar lebetina und xanthina mit dabei. Deine zweite Frage kann ich mit Ja beantworten, es gibt polyvalente Sera, die beim Biss sowohl von Viperiden als auch Elapiden wirksam sind. Ein Beispiel dafür ist das südafrikanische Produkt der Firma SAIMR, das Antikörper gegen Gifte der Elapidengattungen Dendroaspis (Mambas) und Naja (Kobras) sowie auch der afrikanischen Grossvipern (Puffottern,Gabunvipern) enthält. Ausführliche Listen über Serumhersteller und deren Produkte aus der ganzen Welt findest Du unter www.toxinfo.org, aber Vorsicht, sind zum Teil nicht mehr aktuell, so stellt die immer noch aufgeführte Schweizer Firma BERNA seit Jahren kein Serum mehr her, oder gewisse Adressen und Telefonnummern stimmen nicht, aber trotzdem ist diese Seite sehr geignet, um sich mal einen Überblick zu verschaffen.

Fühlt sich wie zu Hause
Benutzeravatar
Beiträge: 406
Registriert: Di Jan 13, 2004 2:00
Wohnort: A - 9564 Patergassen

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Mamba » Mo Mai 10, 2004 19:31

Hallo Habichtskauz
Zu den von Dir ins Forum gestellten Ausführungen der Uni Bonn folgendes : Jetzt habe ich in meiner Karriere als Giftschlangenpfleger schon Dutzende, wenn nicht Hunderte von Verhaltensanweisungen nach Giftschlangenbissen gelesen und zum Teil auch bestaunt, eine Empfehlung, Kaffe oder Tee einzunehmen, ist mir bisher nicht untergekommen. Auf der einen Seite soll man den Patienten ruhig stellen, andererseits sollen aufputschende Getränke eingeflösst werden, ja wie jetzt? Koffein, Teein sowie auch Alkohol sind bei einem Giftschlangenbiss absolut tabu ! Wichtig ist es jedoch, nach einem solchen Unfall sofort und fortwährend grosse Mengen von Flüssigkeit zu sich zu nehmen (Wasser, Fruchtsäfte, teeinfreien Tee usw.), um die Gefahr von möglichen Organschädigungen zu vermindern. Dabei sollten auch Notizen gemacht und der Abgang der Flüssigkeiten mengenmässig überwacht werden.
Zu dem Punkt betreffend Aufschneiden oder nicht Aufschneiden
im Bereich der Fangmarken kann ich nur sagen, dass von meinen 5 eigenen Bissen sowie einem guten Dutzend, die ich im Bekanntenkreis hautnah miterlebt habe, alle bis auf einen glimpflich ohne Arzt oder Krankenhaus verliefen, obwohl von den beteiligten Schlangen her auch "ganz schwere Jungs" mit im Spiel waren. Bei dem einen Fall wurde nicht aufgeschnitten, ein längerer Krankenhausaufenthalt, der beinahe-Verlust eines Beins und mehrmonatige Behinderungen waren die Folge dieser Unterlassung.

Fühlt sich wie zu Hause
Beiträge: 279
Registriert: Mo Nov 04, 2002 2:00

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Habichtskauz » Mo Mai 10, 2004 20:30

Ja, wie gesagt ich habs nur von der Website der Uni Bonn übernommen, selbst will und kann ich da eh nicht als Experte auftreten ;)

Fühlt sich wie zu Hause
Beiträge: 279
Registriert: Mo Nov 04, 2002 2:00

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Habichtskauz » So Mai 16, 2004 22:28

Gibt es Informationen darüber, wie oft auch Wildtiere gebissen werden bzw. welche Auswirkungen es da hat?
Denn Feldhasen, Rehe etc. die in Wiesen herumrennen, sollten doch auch öfters den Weg einer Kreuzotter kreuzen und vor allem auch nicht mehr ausweichen können, wenn ich z.b. an einen schnell hoppelnden Feldhasen denke....

Moderator
Beiträge: 666
Registriert: Mo Jun 17, 2002 2:00
Wohnort: 1220 Wien

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Srutl » Mo Mai 17, 2004 7:18

Der Hund von unserem Jäger wurde voriges Jahr am Vilsalpsee von einber Kreuzotter gebissen und ist daraufhin eingegangen.

th
======================


Srutl

Fühlt sich wie zu Hause
Beiträge: 502
Registriert: Di Dez 31, 2002 2:00

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Gast » Mo Mai 17, 2004 7:49

Wie oft werden Reptilien von Hunden oder Katzen gebissen und gehen daraufhin ein???

Viel zu oft!

Admin
Benutzeravatar
Beiträge: 1120
Registriert: Mo Sep 23, 2002 2:00
Wohnort: Wien

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Gerald » Mo Mai 17, 2004 9:16

Stimmt leider , und die meisten Leute wollens einfach nicht wahrhaben; entweder ist es ihnen egal, oder "na mein Wuffi/Schnurli macht sowas nicht"

wobei, das hat jetzt wenig mit der Fragenstellung zu tun und soll jetzt nicht den Biss des Hundes auf "passt eh" rechtfertigen

Fühlt sich wie zu Hause
Beiträge: 502
Registriert: Di Dez 31, 2002 2:00

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Gast » Mo Mai 17, 2004 10:38

Wollt euch drauf hinweisen, dass der arme Gendarm mit dem Fuß auf die Schlange draufgestiegen ist (laut Zeitungsbericht) und dabei in den Daumen gebissen wurde. Kann es sein, daß die ganze Geschichte von einem Redakteur einfach erfunden ist?
Oder war es vieleicht doch ein Abwehrbiss einer gschundenen Kreatur? Wer weiss, wer weiss wie es sich wirklich zugetragen hat?
Das Gift ist sicher hochwirksam, soviel steht fest. Dass verschiedene Stoffe nicht bei jeder Tierart gleich wirksam sind, ist medizinisches Standardwissen. Aspirin - um ein Beispiel zu bringen - macht bei Menschen, aber auch bei Hunden Schmerzen weg, kann aber für Katzen tödlich sein.

Die Giftmenge und die Bissstelle, die körperliche Verfassung des Gebissenen und die Art der Behandlung nach einem Biss spielen auch eine grosse Rolle. Die oben genannte, am Kopf gebissene Katze hat vermutlich überlebt weil das Gift nur subcutan plaziert war, oder weil die Giftzähne dort nur schlecht eindringen konnten. Der verendete Hund des Jägers bekam das Gift vielleicht in ein grösseres Gefäss appliziert, oder vielleicht hatte er eine Herzschwäche. Der Möglichkeiten gibt es viele. Ich würde nur niemals darauf vertrauen, dass das Gift dem Menschen nichts anhaben kann, weil es sogar eine 3 kg schwere Katze überlebt hat.

Fühlt sich wie zu Hause
Beiträge: 502
Registriert: Di Dez 31, 2002 2:00

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Gast » Mo Jul 18, 2005 17:16

Hallo,

bin gerade zufällig hier aufs Thema gestoßen.

Es wurde ja schon viel geschrieben, waz zum teil auch stimmt.

Eins möchte ich nur klar stellen....
Vipera berus hat ein starkes gift, welches aber wegen der geringen Menge meist beim Menschen nicht zum tode führt.
Hätte Vipera berus eine so *große* Giftmänge wie zb. Vipera xanthina....dann gute nacht :eek:

Grüsse aus NRW :)

Moderator
Benutzeravatar
Beiträge: 197
Registriert: So Aug 11, 2002 2:00
Wohnort: Weinviertel

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Franz » Mo Jul 18, 2005 18:59

Liebe Leute,
was bisher nicht erwähnt wurde: wenn jemand allergisch auf das Schlangengift reagiert, kann er bereits durch eine geringe Giftmenge in einen lebensbedrohlichen Zustand gelangen; wenn jemand dadurch einen anaphylaktischen Schock erleidet, ist die Gabe von Cortison, im Extremfall eine rasche Intubation durch einen zu Hilfe gerufenen Arzt, das Mittel der Wahl, damit der Patient nicht erstickt. Ein "Antiserum" wäre auf jeden Fall kontraproduktiv. Der Einsatz eines Rettungshubschraubers ist dann anzuraten.
Bestimmt mehr als 90% der von Kreuzottern gebissenen Personen benötigen keine weitere Behandlung als Ruhigstellung und Abwarten des Abklingens der Symptome.
Übrigens soll die Unterart Vipera berus bosniensis über ein wesentlich stärkeres Gift, dazu noch in anderer Zusammensetzung, verfügen als die heimische Unterart.
Grüße aus dem Weinviertel
Franz

Moderator
Benutzeravatar
Beiträge: 848
Registriert: Sa Mai 15, 2004 2:00
Wohnort: Salzburg, Austria

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Vipersgarden » Mo Jul 18, 2005 20:18

@ Franz!
Nicht nur das Schlangengift selbst, auch ein eventuell verabreichtes Serum kann zu einem anaphylaktischen Schock führen !!
Es ist ziemlich egal, von wo das Fremdeiweiss herkommt - aus dem Schlangengift oder aus dem Serum (das ja meistens durch Imunisierung von Pferden gewonnen wird).
Aber eine Intubation ist wohl (wenn überhaupt) nicht notwendig.
Anaphylaktische Schocks zeichnen sich durch (in ansteigender Reihenfolge) aus:
Juckreiz
Ausschlag
Atemnot
Ansteigen oder Absinken des Blutdrucks
kann ev. zum Tod führen.
Cortison ist meines Wissens ziemlich wertlos,
besser ist Antihistamin und die gleichzeitige Verabreichung von Calcium-Injektionen.
Werde mich informieren und dann hier mein neues Wissen preisgeben.

Mario
Mario Schweiger

http://www.vipersgarden.at
.. und das neue englischsprachige Feldherpetologen-Forum - FIELDHERPING.EU

Fühlt sich wie zu Hause
Benutzeravatar
Beiträge: 406
Registriert: Di Jan 13, 2004 2:00
Wohnort: A - 9564 Patergassen

Re: Schlangenbiss

Beitragvon Mamba » Di Jul 19, 2005 6:58

@ Mario
Danke für Deinen informativen Beitrag zum Thema. Zu Deiner Liste von auftretenden Symptomen bei anaphylaktischem Schock wäre vielleicht ergänzend zu erwähnen, dass die zwei ersten(Juckreiz,Ausschläge) bei einer schweren Anaphylaxis gar nicht auftreten, weil dazu einfach die Zeit fehlt und der Patient vorher stirbt. Habe vor Jahren einen guten Freund durch Klapperschlangenbiss verloren, er ist,als schwerer Allergiker, 5 Minuten! nach dem Biss von der alarmierten Rettung tot (erstickt) aufgefunden worden.
Gebissen wurde er von einer Crotalus (oreganus) helleri, einer Südlichen Pazifikklapperschlange also, deren Biss im Normalfall von mir selbst mit bewährten Methoden ohne Arzt oder gar Krankenhaus überstanden wird. Normalfall schreibe ich deshalb, weil ja ein Giftschlangenhalter nie weiss, ob er nicht durch einen vorangegangenen Biss oder eine Behandlung mit Antivenin auf artfremdes Eiweiss sensibilisiert wurde und beim nächsten Kontakt eventuell die verhängnisvolle Kettenreaktion eines Schocks ablaufen wird. Mit der Ineffizienz von Cortison bei anaphylaktischen Schockzuständen hast Du natürlich recht, obwohl gerade Cortsison bei normal verlaufenden Bissfällen mit nur systemischen Giftwirkungen ein durchaus indiziertes Medikament ist und zur Standardtherapie bei Intoxikationen mit blut- und gewebeschädigenden Giften gehört(kreislaufstützend,schwellungsabbauend). Mit den Antihistaminika/Calzium hast Du auch recht, Calzium ist an und für sich schon ein Antihistaminikum, sehr viele dieser Mittel sind auf Calziumbasis aufgebaut, und können bei leichten bis mittelschweren Schockzuständen eine effiziente Wirkung zeitigen. Bei schwersten Vorfällen dieser Art kämpft man jedoch gegen die Zeit, Antihistaminika sprechen dann zu wenig schnell an, hier ist als lebensrettende Krisenintervention die sofortige Gabe von Adrenalin indiziert. Adrenalin wird auch von einigen Serumherstellern zur prophylaktischen Desensibilisierung vor Antiveningaben empfohlen, natürlich in geringeren Dosen als zur Therapie bereits vorhandener Symptome.

VorherigeNächste

Zurück zu Giftschlangen

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast