Schmuckschildkröten-Terminologie

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Schmuckschildkröten-Terminologie

Beitragvon pleurodeles » Mo Aug 17, 2009 10:40

Hallo,

das vergangene Wochenende hab ich in Salzburg verbracht, um mir im Flachgau einige Gewässer auf eventuelle Vorkommen von faunenfremden Schildkröten anzuschauen (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Andreas Maletzky für die Hilfestellungen!).

Ich möchte das zum Anlass nehmen, um kurz die Terminologie des Unterartenkreises von Trachemys scripta zu erläutern, die im deutschen Sprachgebrauch des Öfteren verwurschtelt wird.
Also: Die richtige deutsche Bezeichnung für die Art Trachemys scripta ist Buchstaben-Schmuckschildkröte (warum auch immer..). Diese beinhaltet gegenwärtig 3 Unterarten. Bis vor einigen Jahren waren es noch über 20, die meisten davon hat man dann aber anderen Arten/Gattungen zugeordnet, sodass rezent nur 3 übrig geblieben sind.
Zur Erklärung: der gelbe Strich, der vom Auge zum unteren Hals zieht, ist NICHT die „Wange“, diesen haben alle 3 Unterarten. Als „Wange“ wird die oberste Färbung direkt hinter dem Auge bezeichnet.

Die Nominatform Trachemys scripta scripta wird salopp immer Gelbwangen-Schmuckschildkröte genannt, was jedoch falsch ist. Ihr korrekter deutscher Name ist Eigentliche Buchstaben-Schmuckschildkröte oder Gelbbauch-Schmuckschildkröte. Sie hat keine gefärbte „Wange“.

Bild

Trachemys scripta elegans ist die bekannte Rotwangen-Schmuckschildkröte, diese deutsche Bezeichnung ist ausnahmsweise richtig.

Bild

Die dritte Unterart ist Trachemys scripta trostii, zu deutsch Trosts Schmuckschildkröte oder (jetzt wirklich) Gelbwangen-Schmuckschildkröte. Sie hat hinter dem Auge, dort wo die Rotwangen-Schmuckschildkröte rot gefärbt ist, eine gelbe Zeichnung, die sich mit zunehmendem Alter jedoch verdunkelt und ins Bräunliche geht (spätes edit: Bild geändert).

Bild

Wenn also in einer Zoohandlung ein Aquarium mit „Gelbwangen-Schmuckschildkröte“ beschriftet ist, so ist dort in den meisten Fällen Trachemys scripta scripta, die Gelbbauch-Schmuckschildkröte, einquartiert. Die tatsächliche Gelbwangen-Schmuckschildkröte (T. s. trostii) wird zwar auch, jedoch weitaus seltener importiert.

Sicher gibt es bei diesem Merkmal Übergänge, die Erläuterungen sollen lediglich einen Anhaltspunkt bieten.

Wer den entsprechenden Aufruf in der Rubrik „Aktuelles“ noch nicht gelesen hat: Bitte immer her mit Sichtungen von den bösen Schildis!


Viele Grüße,
Günther
Zuletzt geändert von pleurodeles am Mo Mär 29, 2010 18:08, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitragvon richi » Di Sep 01, 2009 13:25

Zur Bestimmung nordamerikanischer (Schmuck)Schildkröten:

Die meisten der amerikanischen (Schmuck) Schildkröten der USA sind selbst für den Laien relativ leicht zu erkennen, - solche wie Waldbachschildkröte, Tropfenschildkröte und andere; aber auch Langhals-Schmuckschildkröte, Diamantschildkröten, natürlich auch die bis vorkurzem allgegenwärtige Rotwangen-Schmuckschildkröte.

Richtig haarig wird es mit dem Bestimmen von Schmuckschildkröten der Gattung Pseudemys (im eigentlichen Sinn) aus den südöstl. USA: Vor allem von jenen aus den Bundesstaaten Florida, Georgia, Alabama und Lousiana. Hier treffen drei Formenkreise aufeinander, nämlich floridana, concinna und rubriventris-nelsoni. Floridana bildet 2 Formen: Nominatform und die meist als Unterart geführte peninsularis. Zwischen den genannten Formen kommt es in den Überschneidungszonen zu einem mehr oder minder starken Genaustausch.
Das unterste der 3 Bilder zeigt m.E. ein Tier der floridana-Gruppe (2. Costale mit deutlichen, breiten Längsstrich, kein "C") mit Merkmalen von peninsularis (Submarginalia mit dunklen Ocellen) aber auch concinna.

Möglicherweise wird der "Gen - Mischmasch" durch Schildkrötenfarming noch verstärkt (Effekte wie wir sie zur Genüge von chinesischen Zuchtanstalten kennen, hat auch irrtümlich zur Beschreibung "neuer Arten" geführt!).
Die Schlüpflinge werden dann von den Amerikanern als Ersatz für die Rotwangen nach Europa exportiert, um das Geschäft mit diesen Tieren weiter betreiben zu können!

Ein EU weites Importverbot für alle Ersatzarten der Rotwange ist anzustreben, um Tierleid zu verhindern und um unsere angegriffenen Ökosysteme durch ausgesetzte Tiere nicht noch weiter zu belasten!!!
richi

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Beitragvon pleurodeles » Mi Sep 02, 2009 12:22

Danke, Richard, für die profunde Auskunft!
Der Fauxpas mit der Pseudemys ist mir später auch aufgefallen - werde versuchen, das Bild mit dem einer "echten" trostii auszutauschen.

LG,
Günther

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Beitragvon AFRO-thunder » So Sep 06, 2009 13:23

Danke für diese 2 sehr ausführlichen und hilfreichen Postings - der Hinweis mit der Pseudemys/troosti verwechslung war auch gut und richtig.

Was mir nicht ganz so gut gefällt, ist die Forderung nach einem Importverbot. Denn: Dann wird wieder was anderes importiert, was auch wieder verboten wird und wieder und wieder und am Schluss dürfen garkeine Schildkröten mehr in die EU eingeführt werden.

Eine bessere Lösung wäre vielleicht etwas wie in den USA, das nurnoch Schildkröten ab 10cm Panzerlänge verkauft werden dürfen. Da sind sie dann nichtmehr so süß und es ist abzusehen, dass der neue Halter ein größeres Aquarium braucht, als einen kleinen Spucknapf.

Nachdem eine Fortpflanzung bei den meisten "Ersatz-Rotwangen" ziemlich unmöglich erscheint (alle Pseudemys bis auf rubriventris haben ein recht südliches Verbreitungsgebiet und brauchen höhere Inkubationstemperaturen als unser Sommer hergibt) und viele Teichhalter von Gelbwangen im weiteren Sinn berichten, dass Männchen aufgrund einer höheren Ausfallsrate Mangelware sind, würde ich mir keine allzugroßen Sorgen machen, dass Schmuckschildkröten bei uns heimisch werden könnten.
Diesen Sommer hat übrigens ein BOKU Student in den Donauauen mit ausgesetzten Schmuckschildkröten gearbeitet. Ich bin gespannt auf seine Ergebnisse.
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Beitragvon rennfahrersepp » So Mär 28, 2010 9:49

AFRO-thunder hat geschrieben:Nachdem eine Fortpflanzung bei den meisten "Ersatz-Rotwangen" ziemlich unmöglich erscheint (alle Pseudemys bis auf rubriventris haben ein recht südliches Verbreitungsgebiet und brauchen höhere Inkubationstemperaturen als unser Sommer hergibt) und viele Teichhalter von Gelbwangen im weiteren Sinn berichten, dass Männchen aufgrund einer höheren Ausfallsrate Mangelware sind, würde ich mir keine allzugroßen Sorgen machen, dass Schmuckschildkröten bei uns heimisch werden könnten.
Diesen Sommer hat übrigens ein BOKU Student in den Donauauen mit ausgesetzten Schmuckschildkröten gearbeitet. Ich bin gespannt auf seine Ergebnisse.


Was mich wundert, dass die Gelbwangen offenbar doch sehr winterhart sind. In der Biberlacke bei St.Pantaleon leben seit Jahren drei Rotwangen- und eine Gelbwangen-Schmuckschildkröte. Der Altarm ist an manchen Jahren 3-4 Monate mit Eis bedeckt, trotzdem überdauern die Schildkröten den Winter ohne Probleme.

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Beitragvon AFRO-thunder » So Mär 28, 2010 19:26

Hallo,

Ich glaube, dass nicht der Frost das Problem und die Dauer auch nicht besonders wichtig ist. Wichtiger sind eher die Übergangszeiten, die bei uns eigentlich zu kalt und feucht sind.
Gelbwangen (Trachemys scripta scripta und T. s. troosti) sind zwar recht südlich in ihrer Verbreitung, aber auch in den Südstaaten der USA frierts doch hin und wieder mal und die Schildkröten können das sicher tolerieren.

Die Frage ist nur, ob die Weibchen durch die verkürzte Aktivitätsperiode genug Reserven für die Eiproduktion sammeln können.

Eine weitere Theorie die ich weiter oben schon angesprochen habe ist, dass Weibchen besser bei uns zurechtkommen, weil sie massiger als Männchen sind. Sie vertragen dadurch Temperaturschwankungen besser (bessere Wärmespeicherkapazität der größeren Masse). Wie auch schon von mir angemerkt, hat sich mit den nicht-heimischen Schildkröten letztes Jahr ein BOKU Student beschäftigt. Der hat sicher auch einige interssante Beobachtungen gemacht.
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Beitragvon pleurodeles » Mo Mär 29, 2010 3:47

Hello,

danke für die interessanten Informationen! Ich bin kein Schildkröten-Spezialist, und frage mich möglicherweise gerade deshalb, warum die Übergangszeit wichtiger bzgl. des Überlebens der Tiere sein kann als die wirklich tiefen Temperaturen im Winter...(?)

Fakt ist jedenfalls, dass letztes Jahr zumindest Rotwangen-Weibchen in den Donau-Auen dabei beobachtet wurden, wie sie Eigruben gegraben haben (auch andere Indizien für Eiablagen gibt es). In einem solchen Fall sollte man sie aus reinen Interessensgründen dort belassen, wo sie ablegen wollen, und (eingezäunt) beobachten, ob sich bzw. was sich aus den Eiern entwickelt (ganz ohne Hormonpräparate).
Natürlich gibt es das Argument, dass sich bei niedrigen Inkubationstemperaturen (wie sie bei uns momentan im Freiland sicher herrschen) nur (wenn überhaupt) Männchen entwickeln und deshalb vielleicht keine unmittelbare "Invasionsgefahr" aufgrund der daraus resultierenden Geschlechter-Einseitigkeit besteht, aber auch das wäre sicher interessant, im Freiland festzustellen.

Ich bin gespannt auf die Ergebnisse des BoKu-Studenten, und wann man was davon hören wird!

Viele Grüße,
Günther

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Beitragvon rennfahrersepp » Mo Mär 29, 2010 16:46

Hallo!

ich hoffe, dass ich diese Woche mal Zeit hab und mir den Uni-Teich in Linz ansehe. Dort soll es auch einige Trachemys geben. Vielleicht schaff ich ein Video oder ein paar Fotos, wo man die Viecher erkennen kann. Zu den Tieren an der Biberlacke: eines der Tiere ist schon seit 20 Jahren dort, die anderen beiden kamen später dazu. Ich gehe mal davon aus, dass es immer die gleichen Tiere sind, aber auf den Fotos von vor 2 Jahren ist eines der Tiere noch wesentlich kleiner. Jetzt haben alle drei ungefähr die gleiche Grösse (>20cm Carapax).

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Beitragvon AFRO-thunder » Mi Nov 03, 2010 0:03

Auch wenns extrem lang her ist, ich antworte mal wieder auf diesen Thread. Ich schau hier leider nicht so oft rein, muss ich zugeben :oops:

Die Temperaturen im Winter sind deswegen nicht wichtig, weil die Schildkröten ohnehin am Gewässerboden ruhen, da hats in den meisten größeren Wasserkörpern eh immer 4 °C.

Die Übergangszeiten spielen deswegen eine Rolle, weil bei uns der Frühling und Herbst oft verregnet sind. In den USA gibts in diesen Zeiten mehr Sonnenstunden, das heißt auch wenn das Wasser grundsätzlich kalt ist, können sie sich beim Sonnen aufwärmen und daher verdauen, bzw. die Energie für die Nahrungsaufnahme aufnehmen.

Aus Beobachtungen in Gartenteichen zeigt sich, dass Schmuckschildkröten oft jahrelang in ungeschützten Teichen leben (und auch überwintern) und auf einmal schwimmen sie im Frühjahr tot an der Wasseroberfläche.

Von meinem Kollegen von der Boku hab ich übrigens schon lang nix mehr gehört, leider. Dafür bin ich mit tschechischen Kollegen in Kontakt, die sich gerade mit Trachemys beschäftigen. Leider gibts die erste Publikation aber nur auf tschechisch, weil in einer tschechischen Zeitschrift erschienen :-(
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