Rote Liste Österreichs

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Rote Liste Österreichs

Beitragvon Hannes » Do Feb 01, 2007 22:39

Liebe Leute,
seit gestern bin ich Besitzer der neuen "Rote Liste der gefährdeten Lurche und Kriechtiere Österreichs".
Ich kann die einzelnen Einstufungen gut nachvollziehen, bei manchen allerdings fehlt mir die Logik:
Die Wiesenotter wird jetzt wieder in die Artenliste aufgenommen, nachdem sie in den letzten Listen (Tiedemann & Häupl 1994, Cabel et. al 1997) ja als "verschollen" eingestuft war. Angeblich deswegen, weil neben dem Fund aus dem Jahr 1984 noch ein weiterer aus dem Jahr 1998 existiert. Nach einer Recherche habe ich erfahren, dass in diesem Jahr ein Nationalparkaufseher (angeblich) ein Exemplar im Seewinkel gesehen hat. Ist das Grund genug, sie wieder aufzunehmen?? Nein, denke ich, denn er hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit etwas anderes gesehen (z.B. Coronella,usw.).
Warum die Mauereidechse jetzt "stark gefährdet" ist (genauso wie Smaragdeidechse und Würfelnatter) wird damit begründet, dass von dieser Art 3 "conservation units" in Österreich existieren (also die Populationen im Inntal - niederösterr. Alpenvorland - Rest (=Alpenostrand&Südalpen)) und die Bestände in der Ötschergegend von "Austerben bedroht" sind. Deswegen unterm Strich dann diese Einstufung insgesamt für die Art.
Ich wage mich trauen zu sagen, dass gerade dort die Bestände keineswegs im Rückgang begriffen sind, es ist eben nur ein lokales Vorkommen.
Vom "Aussterben bedroht" sind neben der obligaten Kreuzkröte, bei den Reptilien Hornviper & Emys - gut so (Das gilt für die beiden letztgenannten)!
Bei den Amphibien fehlt mir unter der Kategorie "stark gefährdet" neben T. dobrogicus, T. carnifex und Pelobates die Rotbauchunke. Sie ist ausserhalb von Schutzgebieten (Nat. Park Donauauen & Neusiedlersee) ebenfalls wie dobrogicus und Pelobates weitestgehend aus der Kulturlandschaft verschwunden.
So, jetzt würde mich interessieren, was die anderen Forumsmitglieder zum neuen Roten Liste sagen?!
Aja, tessellata ist wieder bei den "stark gefährdeten" Arten dabei. Denke, damit können sich Michael und ich sehr gut anfreunden... :D
Hannes

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Beitragvon Srutl » Do Feb 01, 2007 23:35

Die Kreuzkröte ist mit Sicherheit berechtigt "vom Aussterben bedroht", da sie sowohl in Gmünd als auch in Reutte ohne menschliches Zutun relativ schnell aussterben würde. Für Gmünd hat mir das Axel bestätigt, da nach wenigen Jahren ohne menschliche Eingriffe die Populationen zusammen gebrochen sind.

Für Reutte (3 winzige Standorte mit einer Gesamtanzahl von ca 50 Tieren) trifft das noch mehr zu. Die grenznahen Standorte in Deutschland sind in den letzten Jahren alle samt ausgestorben (Kaufbeuren, Marktoberdorf), sodass momentan die nächstgelegene Vorkommen schon ca. 100 km entfernt sind! Hier verstehe ich Deine Haltung nicht.

Für die Mauereidechse gebe ich Dir Recht - ich erkenne auch bei einigen Reliktvorkommen (zB Tirol, Ötschergraben) keine wirkliche Gefährdung oder negative Tendenz, die Vorkommen sind trotz isolierter Lage recht individuenstark und stabil.

Für die Wiesenotter gebe ich Dir auch Recht...
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Beitragvon Hannes » Fr Feb 02, 2007 12:26

@ Kreuzkröte: Genaugenommen ist jedes Vorkommen einer Art gefährdet. B. calamita befindet sich am östlichen Arealrand, dort gibt es immer wieder Verschiebungen. Für die Art selbst ist es völlig irrelevant, ob sie nun marginal auf österr. Territorium vorkommt oder nicht, eben wegen des extrem kleinen Verbreitungsareals.
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Beitragvon Srutl » Fr Feb 02, 2007 12:36

Als Vergleich die kroatische Gebirgseidechse in Kärnten, die dort an ihren nördlichen Arealrand stösst: Hier sehe ich keine Gefährdungen der Lebensräume und die Populationen sind sehr individuenstark und stabil, obwohl auch nur wenige Vorkommen bakannt sind.

Das ist bei der Kreuzkröte gänzlich anders!
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Re: Rote Liste Österreichs

Beitragvon Christoph » Fr Feb 02, 2007 13:05

Hannes hat geschrieben:Die Wiesenotter wird jetzt wieder in die Artenliste aufgenommen, nachdem sie in den letzten Listen (Tiedemann & Häupl 1994, Cabel et. al 1997) ja als "verschollen" eingestuft war. Angeblich deswegen, weil neben dem Fund aus dem Jahr 1984 noch ein weiterer aus dem Jahr 1998 existiert. Nach einer Recherche habe ich erfahren, dass in diesem Jahr ein Nationalparkaufseher (angeblich) ein Exemplar im Seewinkel gesehen hat.


d.h.
der Status wurde auf Grund zweier nicht belegten Einzelaussagen geändert, oder gibts Bildmaterial?

Bin für parlam. U-Ausschuss :)
Beste Grüße

Christoph

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Beitragvon Srutl » Fr Feb 02, 2007 14:33

Meines Wissens bedeutet die Einstufung in "ausgestorben oder verschollen", dass in den letzten mindestens 10 Jahren kein sicherer Nachweis (bei Wirbellosen 20 Jahren) dieser Art geglückt ist.
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Beitragvon Vipersgarden » Fr Feb 02, 2007 17:25

zum x-ten Male (obwohl - ich glaube noch nicht hier im Forum).

Meine ursinii vom 6. Mai 1984 (eine der Daten in der roten Liste)

Bild
Mario Schweiger

http://www.vipersgarden.at
.. und das neue englischsprachige Feldherpetologen-Forum - FIELDHERPING.EU

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Beitragvon Hannes » Mo Feb 05, 2007 16:56

@ Wiesenotter von 1998: Der Fund stammt nicht -wie letztens angenommen - von einem Nationalparkaufseher aus dem Seewinkel.
Die Fundmeldung kommt aus NÖ und wurde von einem gewissen Dr. F. gemacht...
Damit ändert sich aber nicht die Tatsache, dass dieser Fund mindestens genauso fragwürdig ist.
Hannes

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Beitragvon Muralis » Mo Feb 19, 2007 21:57

Habe jetzt auch endlich die beiden Bände nach dem x-ten Zustellversuch erhalten (oder eigentlich erst mein Nachbar).

Ein 1. Überfliegen bestätigt das, was ich ohnehin schon im Vorhinein mehr oder weniger darüber gewusst hatte: Das Streben nach Objektivität bei der Einstufung hat letztlich dazu geführt, dass viele Arten in eine schwächere oder gar keine Gefährdungskategorie umgestuft wurden. Gründe sind meist, dass man in den letzten jahren durch verstärkte Feldforschung draufgekommen ist, dass es doch mehr Exemplare, Brutpaare etc. gibt, als angenommen.

Leider berücksichtigt man dabei nicht, dass die allermeisten Tier- und Pflanzenarten bereits VOR der Erstellung der 1. Roten Listen-Bücher gewaltige Rückgänge durch die Umgestaltung der Landschaft im 20. Jahrhundert hinnehmen mussten, die Bestände also zumeist auf Bruchteile des ursprünglich Vorhandenen zusammengeschmolzen sind. Da bedeuten ein paar neu entdeckte Vorkommen oder Scheinerfolge durch Klimaveränderung wenig.

Die Heerscharen von Baggern und Baumaschinen arbeiten nämlich weiter, ich beobachte selbst tagtäglich weitere Lebensraumverluste durch Bautätigkeit, neuerdings sogar im Namen des Naturschutzes und der Fische.

Letztlich sind die neuen Rote-Liste-Bücher als Instrument des Naturschutzes ziemlich unbrauchbar geworden, denn vieles, mit dem man früher argumentieren konnte, findet man nun bei "Least concern"...
Wenn man jetzt nicht Englisch kann, ist man im Zeitalter der sprachlichen Globalisierung überhaupt aufgeschmissen :(

Nun gut, bei der Herpetofauna dürfte sich weniger getan haben, muss ich mir erst genauer ansehen. Bin da ja auch kein so großer Experte. Immerhin - die Mauereidechsen-Vorkommen am Alpennordrand kenne ich zumindest exemplarisch ganz gut. Die Biotope werden sich dort, bis auf ein paar Kalksteinbrüche, kaum verändern. Die Eidechsen werden durch die Klimaerwärmung sicher klar profitieren. Daher sind die sicher nicht CR, sondern so gut wie gar nicht gefährdet. In Wahrheit ist die Zauneidechse wahrscheinlich weit mehr gefährdet als die Mauereidechse.

Und damit vergessen wir die Roten Listen wieder, sind für 99% der Bevölkerung sowieso ohne jede Bedeutung, und die 80 € setzen wir wenigstens von der Steuer ab :wink:
Herzliche Grüße aus Niederösterreich!
Wolfgang

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Beitragvon Srutl » Di Feb 20, 2007 12:21

Hallo Wolfgang!

Rote Listen werden wohl immer Kritik hervor rufen, weil es Situationen gibt, die mit den Einstufungen nicht zusammen stimmen.

Das sagst, dass
In Wahrheit ist die Zauneidechse wahrscheinlich weit mehr gefährdet als die Mauereidechse.

und wirst damit sicher für etliche Bereiche recht haben. In meiner Heimat (Nordalpengebiet in Tirol) ist es aber so, dass sich dort die Zauneidechse, die in den 70ern extrem selten war, recht intensiv ausgebreitet hat (Klimawandel?) und die Bergeidechse, die früher echt häufig war, heutzutage im Tal sehr selten geworden ist und von der Zauneidechse verdrängt wurde. Und trotzdem wird die Bergeidechse nicht zu den wirklich seltenen Reptilien gezählt, da sie im höheren Gebirge nach wie vor häufig ist. Die Mauereidechse ist zB in Wien extrem gefährdet, in den Ötschergräben sicher nicht. Die Liste liesse sich noch endlos weiterführen.
Rote Listen sind daher umso sinnvoller, je kleiner das Bearbeitungsgebiet ist, Generalisierungen verschlechtern das Ergebnis. Das erkennt man auch daran, dass je kleiner die Bearbeitungsgebiete für Rote Liste sind, umso gefährdeter ist plötzlich ein Großteil des Artenspektrums. Ein anderer Aspekt ist das Aufsplitten in neue Taxa, da dadurch plötzlich neue schützenswerte Arten kreiert werden. Neue Fundorte - Änderung der Einstufung? Es liesse sich darüber wohl noch endlos weiter diskutieren...
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Beitragvon Muralis » Di Feb 20, 2007 22:45

Srutl hat geschrieben:Rote Listen sind daher umso sinnvoller, je kleiner das Bearbeitungsgebiet ist, Generalisierungen verschlechtern das Ergebnis. Das erkennt man auch daran, dass je kleiner die Bearbeitungsgebiete für Rote Liste sind, umso gefährdeter ist plötzlich ein Großteil des Artenspektrums.


Seh ich genauso.

Es ist ja auch nicht so, dass die getroffenen niedrigeren Einstufungen grundsätzlich falsch sind und sie werden ja zumeist auch +/- ausführlich begründet.

Nur: gesamthaft gibt man damit ein Instrument aus der Hand. Im nördlichen Alpenvorland ist jetzt nur mehr sehr wenig gefährdet. Für die Behörden ist nun die Natur bestens in Ordnung, braucht nichts mehr geschützt und berücksichtigt werden, können letztlich alle Bauprojekte problemlos durchgezogen werden.

Die Realität schaut leider ganz anders aus, gerade auch im Bereich der Amphibien, wo hier bei uns dank verschwindender letzter Laichgewässer ganze Populationen auch sog. "häufiger" Arten zusammenkrachen.

Ich konnte das im Rahmen eines nach 11 Jahren wiederholten Schulprojektes auch mit Fakten untermauern. Die Ergebnisse gaben mir zu denken. Wer das Projekt (preisgekrönt :D ) nachlesen will:

http://www.dorner-verlag.at/machmit/2005-2006/amphibienprojekt_der_3c.pdf

Ja, bei den Zauneidechsen meinte ich natürlich die Populationen im Kulturland der Tief- und Hügellagen. Wieder ein Beispiel für die mangelnde Berücksichtigung regionaler Gegebenheiten in österreichischen Roten Listen...
Herzliche Grüße aus Niederösterreich!
Wolfgang

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Beitragvon MD » Do Feb 22, 2007 9:10

Prinzipiell hab ich ein Problem mit diesen Roten Listen als "Werkzeug". Den dass bedeutet, dass eine Art nur dann "wertvoll" ist, wenn sie als möglichst stark gefährdet gilt.
So kommt es auch zu diesen Missverständissen, wie sie Muralis geschildert hat ("Die san eh nimmer gefährdet, da kömma jetz baun")

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