Nach dem Hochwasser....

Hier kommt alles andere hinein.

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Nach dem Hochwasser....

Beitragvon rennfahrersepp » Do Jun 27, 2013 13:53

Alle, die mich kennen, werden wissen, dass ich mich gerne in der Au herumtreibe. Damit war jetzt einmal drei Wochen Schluss! Hochwasser hat die Au bei uns bis zu 4m unter Wasser gesetzt und das Betreten praktisch unmöglich gemacht. Jetzt, drei Wochen nach dem grossen Hochwasser stehen noch immer grosse Teile der Au unter Wasser. Auch die Donau führt noch leichtes Hochwasser. In den letzten Tagen gelang es mir aber, immer mehr in den Auwald vorzudringen. Die Forststraßen sind zum Großteil vom Schlamm befreit, allein bei uns im Augebiet waren fünf Baumaschinen im Einsatz. Einige Wege sind aber komplett verschwunden, bzw. derart von Sediment verschüttet, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis diese passierbar werden. In einigen Teilen der Au lagern Unmengen an Schwemmholz und alles mögliche Glumpert (von Zelten über Boote, Mülltonnen, ja sogar eine alte E-Orgel hab ich gefunden).
Was für mich aber am interessantesten ist: wie geht es der Fauna?
Fährt man Abends durch das Augebiet, so hört man bei uns derzeit ein Froschkonzert, wie ich es noch nie gehört habe. Pelophylax scheint überall zu sein: im Strassengraben, auf den Feldern, im Auwald,....
Der Lärm der (hauptsächlich) Seefrösche übertönt einfach alles. Unken hört man kaum, aber man findet sie. Selbst juvenile Erdkröten konnte ich unmittelbar entlang der Donau finden, in einem Gebiet, wo teilweise 2m Feinsediment im Augebiet abgelagert wurde. Der Laubfrosch liess sich heuer ein wenig Zeit und laichte nach dem Hochwasser ab. Vor zwei Wochen konnte ich frische Laichballen finden. Interessant ist, dass es offenbar auch die Reptilien relativ gut überstanden hatten: bei einem Kurzausflug in die noch überschwemmte Au bei Regelsbrunn fand ich innerhalb weniger Minuten zwei Zauneidechsen und zwei Ringelnattern (eine davon ca. 1m lang).

Eine Frage taucht bei Diskussionen ums Hochwasser auch immer wieder auf:

Woher kommt der Schlamm? Der Schlamm verursacht weit höhere Schäden als das Hochwasser selbst. Nach dem Hochwasser 2013 waren waren manche Felder 1m oder höher mit Schlamm bedeckt. Die Ernte war dadurch vernichtet. Auch viele Straßen mussten von den Schlammmassen befreit werden um überhaupt passierbar zu werden. Ganz schlimm traf es manche Hausbesitzer, in deren Häuser sich der Schlamm ansammelte und mühsam entfernt werden musste.

Und die Frage taucht immer wieder auf: woher kommt dieser Schlamm?
Die Antwort ist ganz einfach: der Schlamm kommt aus den Stauseen.

Flüsse transportieren jede Menge Sediment mit sich. Sinkt die Fliessgeschwindigkeit ab, so setzt sich das Sediment am Boden ab. Das ist in den Stauräumen der Kraftwerke der Fall. Der Name "Laufkraftwerk" bei den Kraftwerken an Donau, Enns, Inn und Drau trügt: in Wirklichkeit läuft auf den letzten Kilometern vor der Staumauer nichts mehr. Der Fluss ist zu einem stehenden Gewässer geworden. In den Staubereichen setzt sich jede Menge Feinsediment ab. Feiner Sand, aber auch organische Stoffe, die aus der Zersetzung von Pflanzen und Tieren stammen, sammeln sich über die Jahre im Stauraum an. Im Falle eines Hochwassers werden die Schleusen geöffnet und das Feinsediment wird mobilisiert. Durch die Ausbreitung des Hochwassers gelangen die Schwebstoffe in den überschwemmten Talboden und setzten sich dort ab, wo die Strömungsgeschwindigkeit niedrig ist: im Wald, hinter Geländekanten, in Gebäuden. Neben den anorganischen Schwebstoffen befinden sich noch jede Menge anderer Stoffe im Hochwasser: Faluschlamm, der durch anaerobe Prozesse im den Stauräumen entstanden ist, Abwässer und Klärschlamm aus überfluteten Kläranlagen, Öl, Benzin Chemikalien,.....

Fährt man nach dem Hochwasser durch ein überflutetes Gebiet, so fällt einem sofort der faulige Geruch auf. Der Gruch nach "Letten", also Faulschlamm, macht viele Gebäude unbewohnbar und hält sich hartnäckig in den Hochwassergebieten.

Dieser Geruch ist charakteristisch für Hochwässer an eingestauten Flüssen. Bei naturbelassenen Flüssen treten Schlammablagerung zwar auch auf, aber weit nicht in diesem Ausmaß.

Welche Möglichkeiten gibt es dagegen? Eigentlich gibt es kaum Möglichkeiten gegen den Schlamm. Einige Hausbesitzer sind mittlerweile dazu übergegangen, ihre Keller und Häuser bei drohendem Hochwasser mit suaberem Wasser zu fluten. Das soll ein Eindringen das schlammdurchsetzten Hochwassers weitgehend verhindern und die Schäden reduzieren.

Gegen den Schlamm an sich gibt es aber kaum eine Abhilfe: er ist da und wird im Falle eines Hochwassers ausgeschwemmt. Irgendjemand hat einmal den Vorschlag geäussert, man könne den Schlamm doch ausbaggern.

Zu diesem Thema habe ich einmal eine kleine Überschlagsrechnung angestellt:

Als Beispiel nehmen wir den Ennsstausee in Staning. Hier wird die Enns aufgestaut und über den Enns-Donau-Kanal zum Kraftwerk St.Pantaleon umgeleitet. Der Stausee hat eine Länge von 2,5km, eine durchschnittliche Breite von 400m. Der in den 60er Jahren errichtete Stausee ist mittlerweile fast zur Gänze mit Sediment gefüllt. Man kann von einer durchschnittlichen Sedimentauflage von ca. 6m ausgehen.

Das ergibt 6 Mio. Kubikmeter (!)

Vorausgesetzt man hätte eine geeignete Deponiefläche und einen leistungsfähigen Schiffsbagger, so wären 500.000 LKW-Fuhren nötig, um diesen Schlamm zur Deponiefläche zu transportieren (!). Um die Sache noch weiter zu spielen: setzt man 10 LKW-Kipper ein, die im Zweischichtbetrieb 16h/Tag arbeiten und nimmt als Rotationszeit 1/2 Stunde an, so schaffen diese 320 Fuhren/Tag.
Grob geschätzt wären diese dann mehr als 6 Jahre im Einsatz. Zeitgleich wird aber im Stausee weiter Sediment abgelagert, das heisst, Sisyphos hätte seine wahre Freude mit dieser Arbeit.
Zudem bleibt da noch die Frage offen, wie ein geeigneter Schiffsbagger in den Stausee gelangen würde.....

Wer ein wenig Interesse findet:
ich betreibe ein Blog zum Thema Augebiete:
http://www.auenblicke.blogspot.co.at/

Zudem gibt es auf Flickr eine Bildergalerie mit Bildern vom Hochwasser 2013:
http://www.flickr.com/photos/simlinger/ ... 063338597/

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Beitragvon DON.HISTER » Do Jun 27, 2013 23:00

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Re: Nach dem Hochwasser....

Beitragvon rennfahrersepp » Fr Jun 28, 2013 6:51

Hochwasser und Schlamm ist im Prinzip ja nicht schlecht für die Au...solange die Sache nicht ausartet. Die Loau hat in diser Weise einerseits Pech, da sie weitgehend von der Donau abgedämmt ist und daher nur mehr selten von Hochwässern überflutet wird, anderseits Glück, da durch die Flutung über den Schönauer Schlitz nur wenig Schlamm in die Lobau gelangt. Zudem ist das Kraftwerk Freudenau noch relativ jung, d.h. es hat sich wahrscheinlich noch nicht so viel Feinsediment im Stauraum abgelagert, wie in älteren Stauseen.

Bei den zwei Donaustauseen in meiner Nähe (Abwinden-Asten, Wallsee-Mitterkirchen) hat sich die Situation von Hochwasser zu Hochwasser verschärft: gab es 1997 Geländeaufhöhungen von 20-50cm so sind wir heute bereits bei solchen Dimensionen angelangt:

_7281015.jpg
Geländeaufhöhung ca 1,6m im Bereich Enns/Kronau
_7281009.jpg
Geländeaufhöhung ca 1,3m im Bereich Enns/Kronau


Ins Augebiet konnte ich stellenweise noch nicht vordringen, aber in einigen Bereichen schätze ich die Aufhöhung auf 2m und mehr.
An anderen Flüssen (Inn, Enns, Drau, Mur,....) ist die Situation wahrscheinlich noch extremer. Die Stuaseen am Inn sind praktisch zur Gänze voll mit sediment. In diesem Fall hat die Auflandung sogar positive Effekte, da sich in den Stauräumen neue Verlandungszonen gebildet haben (z.B. Hagenauer Bucht), die wertvolle Biotope darstellen.

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Re: Nach dem Hochwasser....

Beitragvon rennfahrersepp » Fr Jun 28, 2013 7:02

Das Bild zeigt z.B. eine Geländeaufhöhung im Augebiet. Das linke Bild (Infrarot-Aufnahme) wurde im Februar 2013 bei relativ niedrigem Wasserstand aufgenommen, das rechte Bild am 26.06.2013 nach dem Hochwasser. Man kann davon ausgehen, dass bei fallendem Wasserstand der nördlich gelegene Altarm (im Bild rechts) komplett trocken fällt.

gelaendeaufhoehung_kronau.jpg
Geländeaufhöhung in der Kronau, Mündung des Mitterwassers unterhalb der Staumauer Abwinden-Asten

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Beitragvon DON.HISTER » Fr Jun 28, 2013 20:48

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Beitragvon DON.HISTER » Fr Jun 28, 2013 21:21

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