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Zu Gast bei den schrägen Diapsiden

Zu Gast bei den schrägen Diapsiden: Phylogenetische Ursprünge, genetische Vielfalt und manches mehr über Schildkröten

Ein Vortrag von UWE FRITZ

 

Ein teilweise zum Exoskelett umgebildetes Endoskelett, in den Thorax „gerutschte“ Schulter- und Beckengürtel und ein massiver, ungefensterter Schädel ohne Zähne – diese wirklich außergewöhnliche Morphologie charakterisiert bekanntlich Schildkröten. Wenn diese Kreaturen ausgestorben wären, würde man sie im Fossilbericht zu den bizarrsten Wirbeltieren rechnen, die jemals auf der Erde vorkamen. Dadurch, dass wir sie als lebende Tiergruppe kennen, sind wir an Schildkröten gewöhnt und vergessen oft, wie stark sie vom üblichen Wirbeltier-Bauplan abweichen. Dennoch, ihre Morphologie hat in der Wissenschaft dazu geführt, dass sie traditionell für eine sehr eigenständige Evolutionslinie gehalten wurden und dass sie meist als die letzten Überlebenden einer im Perm weit verbreiteten Gruppe von Stammreptilien ohne Schädelfenster betrachtet wurden, den Anapsiden. Im phylogenetischen System wurden Schildkröten dementsprechend lange als Schwestergruppe entweder aller anderen rezenten Reptilien und Vögel oder sogar als Schwestergruppe aller anderen Amnioten eingeordnet. Molekulargenetische Daten haben dem jedoch bereits früh widersprochen und darauf hingedeutet, dass Schildkröten vielmehr echte diapside Reptilien mit extrem abgewandelter Morphologie darstellen. Dies wurde später durch neue Fossilfunde aus China und Deutschland und genomische Daten unterstützt. Außer diesem grundlegend neuen Verständnis der phylogenetischen Beziehungen von Schildkröten als Tiergruppe haben molekulargenetische Untersuchungen in den letzten zwei Jahrzehnten auch eine Vielzahl von weiteren Erkenntnissen hinsichtlich der Verwandtschaftsbeziehungen und der Ökologie von Schildkröten erbracht. Wie bei anderen Organismen war ihre Taxonomie und Systematik traditionell auf externmorphologische und, in geringerem Umfang, auf osteologische Merkmale begründet. Molekulargenetische Daten haben jedoch zur durchaus schmerzhaften Einsicht geführt, dass besonders die Externmorphologie von vielen Arten für taxonomische und systematische Zwecke unzuverlässig ist. Viele „Schildkrötenarten“ mit extremen morphologischen Unterschieden erwiesen sich so lediglich als Ökotypen oder nächst verwandte Lokalformen, während sich andere traditionell anerkannte „Arten“, die morphologisch sehr einheitlich sind, als Komplexe genetisch tief divergenter Spezies erwiesen. In meinem Vortrag werde ich einige Beispiele hierfür vorstellen, insbesondere aus der sogenannten „Alten Welt“ (Afrika, Asien und Europa). Molekulargenetische Untersuchungen haben jedoch noch weitere Einsichten gebracht – zum Beispiel, dass nicht nur der Mensch Schildkrötenarten über die Ozeane verbreitet hat, typischerweise weil sie als „lebende Konservendosen“ auf Seereisen dienten, sondern dass manche sogenannten Sumpfschildkröten, also Süßwasserbewohner, „meerestauglich“ sind.


Der Vortrag wird mit einer kurzen Zusammenfassung schließen, welche allgemeinen Schlussfolgerungen aus der aktuellen „genetischen Revolution“ zu ziehen sind.

 

Bibliothek der Herpetologischen Sammlung, Naturhistorisches Museum Wien, Eingang Burgring 7


Donnerstag, 20. Oktober 2016, 18:30 Uhr

 

  ÖGH

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