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Weibliche Bergeidechse (Zootoca vivipara vivipara)
Die auf den ersten Blick unscheinbare Bergeidechse offenbart bei genauer Betrachtung einige sehr interessante Eigenschaften, wovon folgende speziell hervorzuheben sind: Sie besitzt das größte Verbreitungsgebiet unter allen heute lebenden, das Land bewohnenden Reptilienarten und stellt gleichzeitig das am weitesten Richtung Nordpol vordringende Reptil der Erde dar. In ihrer Ökologie fällt sie in erster Linie durch zwei unterschiedliche Fortpflanzungsmodi innerhalb der Art auf: die Unterarten carniolica und louislantzi sind ovipar (eierlegend), während sich die den Großteil des Verbreitungsgebiets besiedelnde Nominatform Zootoca vivipara vivipara (ovo-)vivipar fortpflanzt (lebendgebärend; das Jungtier entwickelt sich um Mutterleib und schlüpft aus der filigranen, durchsichtigen Eihülle kurz vor bis kurz nach der Geburt). Des Weiteren ist sie ausgesprochen tolerant gegenüber Kälte im Bereich geringer Minusgrade und übersteht kurzzeitiges Gefrieren von bis zu 50% der Körperflüssigkeit, was wohl auch das Überleben in Gebieten mit Permafrostböden ermöglicht.
In Österreich ist Zootoca vivipara hauptsächlich unter dem Namen Bergeidechse bekannt, welcher auf den überwiegenden Anteil der von ihr besiedelten Lebensräume hierzulande verweist. Hingegen in Deutschland, entsprechend den dort hauptsächlich genutzten Habitaten, ist Wald- oder auch Mooreidechse der gebräuchlichste Name.
Der lateinische Artname vivipara verweist auf den, zur Zeit der Ersteschreibung als für Reptilien einzigartig betrachteten lebendgebärenden Fortpflanzungsmodus der Bergeidechse. Eierlegende Formen wurden erst 150 Jahre nach der Erstbeschreibung entdeckt.
Wie zuvor erwähnt, besitzt die Bergeidechse das größte Verbreitungsgebiet sowie das am weitesten in den Norden reichende Areal aller rezenten, terrestrischen Reptilien. Es erstreckt sich in seiner Ost-West Ausdehnung über 11.000 km, von Irland im Westen bis zur japanischen Insel Hokkaido im Osten. Der nördlichste Fundpunkt liegt am norwegischen Tanafjord, der südlichste in Südbulgarien, was einer Nord-Süd Distanz von 3100km entspricht.
Folgende Angaben beziehen sich, sofern nicht explizit anders erwähnt, auf Österreich.
Aktuell sind neben der lebendgebärenden Nominatform Zootoca vivipara vivipara die eierlegenden Unterarten Zootoca vivipara carniolica und Zootoca vivipara louislantzi anerkannte taxonomische Einheiten. Zootoca vivipara "pannonica" ist, nach rezenten phylogenetischen Untersuchungen, kein valides Taxon. Beispielsweise gehören Tiere aus den ostösterreichischen Tieflandpopulationen, die früher "pannonica" zugerechnet wurden, dem selben Clade an, wie jene der Terra Typica von Zootoca vivipara vivipara am Schneeberg in Niederösterreich. (Nähere Informationen in SURGET-GROBA et al. (2006) und weiteren unten angeführten Publikationen)
Mit einer Gesamtlänge von maximal 18cm ist die Bergeidechse das kleinste Reptil Österreichs. Die Schwanzlänge beträgt in der Regel zwischen dem 1,4 bis 1,8-fachen der Kopf-Rumpf-Länge.
Generell sind die Streifenelemente der Oberseitenzeichnung bei Männchen eher aufgelöst als bei Weibchen. Erstere wirken somit oft "fleckiger". Anhand der Unterseite ist die Geschlechterunterscheidung adulter Tiere wesentlich einfacher: Der Bauch der Weibchen ist meist weißlich, perlgrau oder nur in blassen Tönen gelblich bis orange gefärbt und dabei kaum gefleckt. Bei Männchen ist der Bauch auf oft deutlich gelblichem oder orangefarbenem Untergrund kräftig schwarz gepunktet, während die Kehle meist, wie jene der Weibchen, blass gefärbt bleibt. Analog zu den anderen Arten der Lacertidae sind die, speziell zur Paarungszeit, verdickte Schwanzwurzel, sowie die deutlich ausgeprägten Femoralporen weitere Erkennungsmerkmale der Männchen.
Die Jungtiere sind nach dem Schlupf dunkel gefärbt, die Oberseite erscheint tiefschwarz bis dunkel erzfarben. Am Übergang zwischen Rücken und Flanken liegt jeweils eine Reihe undeutlicher, heller Pünktchen. Im folgenden Frühjahr hellt sich die dunkle Grundfarbe etwas auf, die Zeichnungselemente werden deutlicher und auch an den Flanken werden helle Punktreihen sichtbar. Allerdings sind diese nie so kontrastreiche „Flecken“ wie jene junger Zauneidechsen. Die endgültige Adultfärbung wird erst im 3. Lebensjahr erreicht.
Wie bei anderen Reptilien gibt es vereinzelt auch nahezu oder komplett einfärbig schwarze (melanotische) Tiere. Feldstudien zufolge bringt diese schwarze Färbung kein statistisch signifikant schnelleres Aufwärmen gegenüber normal gefärbten Tieren. Interessant sind in diesem Zusammenhang Messungen an melanotischen Kreuzottern. Diese wärmen sich zwar etwas schneller auf als ihre normal gefärbten Artgenossen und erreichen eine geringfügig höhere Körpertemperatur, nutzen diesen Vorteil, zumindest biotelemetrischen Untersuchungen nach, aber nicht.
Außer in Wien kommt die Bergeidechse rezent in allen Bundesländern vor und lässt sich, mit einigen folgend erwähnten Ausnahmen, als Art der submontanen bis hochsubalpinen Stufe charakterisieren. Demnach liegen die Verbreitungsschwerpunkte im Alpen- und Voralpenraum sowie dem nördlichen Granithochland (Waldviertel/Mühlviertel).
Verbreitungskarte: Bergeidechse -Zootoca vivipara (Datenstand 1996) © Umweltbundesamt - Quelle: Verbreitungsatlas Österreich
Die vertikale Verbreitung ist wie folgt verteilt: Neben den wenigen, unter 200m Seehöhe liegenden Tieflandpopulationen im Wiener Becken bzw. im Seewinkel, befinden sich die meisten Vorkommen über 500m und stellen den bei Weitem größten Teil in der Vertikalverbreitung dar. Hinzu kommen noch einige Populationen in der Höhenklasse 300 – 500m, beispielsweise in Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg. In Österreich liegt der höchste, in der Literatur erwähnte und präzise verortete, Fundpunkt knapp unter 2500m. Eine aktuelle Meldung (2009) aus ca. 3100m Seehöhe in Tirol stellt somit vermutlich den höchsten Fundpunkt hier zu Lande dar.
Wegen ihres schlechten Transpirationsschutzes ist die Bergeidechse an Lebensräume mit hoher relativer Luftfeuchte gebunden. Sie besiedelt in Höhen über 500m Ränder, Schneisen, junge Schonungen und Lichtungen von Wäldern, Moore in allen Stadien, extensiv genutzte und strukturreiche Bergwiesen und –weiden sowie linienförmige Strukturen wie Wegböschungen und Gewässerufer. Im Gebirge kommen sonnenexponierte felsige und steinige Lebensräume (Blockhalden, Schotterkegel) in halboffenen und nur von wenigen Bäumen bestandenen Flächen hinzu. Tieflandvorkommen, wie beispielsweise im Seewinkel, beschränken sich nahezu ausschließlich auf Feuchtwiesen, Moore / Sümpfe und Gewässerränder (z.B. Entwässerungsgräben).
Weitere Habitatbilder:
Jahresaktivität
Das Ende der Winterruhe und der Beginn der Paarungszeit sind generell sehr von Witterung und Höhenlage abhängig. In tiefer gelegenen Populationen erscheinen die ersten Männchen in der Regel ca. 2 Wochen vor den Weibchen. In höheren Lagen beenden beide Geschlechter die Winterruhe in etwa gleichzeitig. Der Beginn der Paarungsaktivitäten erfolgt nach der ersten Frühjahrshäutung der Männchen. Abgesehen von einzelnen, jahreszeitlich sehr frühen (Jan./Feb.) bzw. späten (Nov.) Funden setzen regelmäßige Beobachtungen Mitte März ein und enden Mitte Oktober. Mit zunehmender Seehöhe verkürzt sich die Aktivitätsperiode deutlich, die Tiere erwachen später aus der Winterruhe und ziehen sich früher wieder zurück. Über 1500m kann ein Minimum von nur mehr 3 - 4 Monaten (Juni - Sept.) Aktivität im Jahr erreicht werden! Dies ist umso mehr bemerkenswert, als die Tiere während dieser kurzen Zeit genügend Nahrung aufnehmen müssen, um einerseits den Fortpflanzungsaktivitäten nachzukommen und andererseits die 8-9 monatige Winterruhe zu überstehen.
Tagesaktivität
Erreicht die bodennahe Lufttemperatur 15 – 20°C, beginnt die tägliche Aktivität. Zunächst sonnen sich die Tiere, um ihre Vorzugs-Körpertemperatur von 25-30°C zu erreichen. Erst danach kommt es zu weiteren Aktivitäten wie Umherstreifen, Nahrungssuche, Paarung etc. Ähnlich der Jahresaktivität ist der Tagesablauf der Bergeidechse (wie auch jener der meisten anderen Reptilien) stark witterungsabhängig. Zu Aktivitätsbeginn (an warmen Tagen schon zwischen 7 und 8 Uhr) und am Abend sonnen sich die Tiere zumeist recht exponiert. Wird es wärmer nutzen sie Stellen im Halbschatten zum Sonnen. Bei ausreichender oder zu hoher Körpertemperatur verbleiben sie den größten Teil der Zeit im Schutz der Vegetation oder ziehen sich in feuchtere und kühlere Bereiche des Habitats zurück.
Fortpflanzung
Bergeidechsen sind karnivore Tiere, die sich vorzugsweise von Spinnen und Insekten ernähren.
Die weit in den Norden, bis in Permafrostgebiete reichende Verbreitung, Vorkommen in großer Höhe sowie die geringe Überwinterungstiefe lassen auf eine ausgeprägte Kältetoleranz schließen.
In den Roten Listen gefährdeter Tiere Österreichs ist die Bergeidechse als „Near Threatened“ („NT“, entspricht einer Vorwarnstufe) angeführt, mit dem gleichzeitigen Hinweis, dass es weiterer Untersuchungen bedarf, um die Bestandssituation ausreichend gut einschätzen zu können.
Die Waldeidechse - Reptil des Jahres 2006, Aktionsbroschüre der DGHT. Link
GLANDT, D. (2001): Die Waldeidechse. – Bochum (Laurenti Verlag). CABELA, A.; GRILLITSCH, H.; TIEDEMANN, F. (2001): Atlas zur Verbreitung und Ökologie der Amphibien und Reptilien in Österreich. - Wien (Umweltbundesamt). – Wiesbaden (AULA – Verlag).
Systematik (chronologisch):
MAYER, W. et al. (2000): On
oviparous populations of Zootoca vivipara (Jacquin, 1787) in
SURGET-GROBA, Y. et al. (2002): Phylogeography and conservation of the populations of Zootoca
SURGET-GROBA, Y. et al. (2006): Multiple origins of viviparity, or reversal from viviparity
KUPRIYANOVA, L. A. et al. (2006): Karyotype diversity of the Eurasian lizard Zootoca vivipara
ARRIBAS, O. J. (2009): Morphological variability of the Cantabro-Pyrenean
Physiologie (chronologisch):
GRENOT, C. J. et al. (2000): How does the European common lizard, Lacerta vivipara,
VOITURON, Y. et al. (2002): Freezing
survival, body ice content, and blood composition of the
VOITURON, Y. et al. (2004): Comparison of the Cold Hardiness Capacities of the
Text: Gerald Ochsenhofer |



